Europe 2031

Was auf dem Spiel steht, wenn wir die KI-Revolution verschlafen

Daan Juijn, Stan van Baarsen, Judith Dada, Lily Stelling, Philip Fox, Alex Petropoulos und Michiel Bakker.Text und Redaktion: Tom Chivers.

Die zwölf EU-Sterne lösen sich in Pixelstaub auf und rahmen ein Mosaik einer zerfallenden Europakarte in der Mitte.

Der jüngste Fortschritt in der KI verlangt Europa die mutigste politische Agenda seiner Nachkriegsgeschichte ab. Gehen wir sie nicht jetzt an, verlieren wir die Fähigkeit, unsere eigene Zukunft zu gestalten. Wir geraten wirtschaftlich und politisch ins Abseits, in einer Union, die langsam auseinanderbricht. Unsere Werte können wir dann nicht mehr verteidigen, unsere Sozialsysteme nicht mehr finanzieren, und neuen Risiken haben wir nichts mehr entgegenzusetzen.

März 2031 – Washington, D.C.

Caroline geht auf die Toilette. Sie spritzt sich kaltes Wasser ins Gesicht und sieht sich im Spiegel an. Ihre Hände zittern, sie umklammert den Rand des Waschbeckens und wartet, bis es vorübergeht. Durch das kleine, hohe Fenster sieht sie einen Streifen am Washingtoner Himmel, flach und hell.

Ein paar Türen weiter entscheiden sechs Menschen über das Schicksal des europäischen Kontinents.

Sie weiß nicht, ob irgendetwas von dem, was sie gesagt hat, eine Rolle spielen wird. Sie vermutet, nein.

Dies ist ein Szenario über Europas drohendes Abgleiten in die Bedeutungslosigkeit. Es zeigt, welche Rolle die KI dabei spielt und was sich jetzt noch tun lässt, um das Ruder herumzureißen.

Erzählt wird es aus der Sicht zweier erfundener Figuren. Caroline Dubois, einer französischen Beamtin der Europäischen Kommission in Brüssel, und Christian Vogt, dem deutschen Gründer eines schnell wachsenden KI-Unternehmens, der gerade ins Silicon Valley gezogen ist. Die beiden gibt es nicht wirklich, doch was sie erleben, beruht auf realen Trends.

Um zu verstehen, wieso Europa dabei ist, die kommende KI-Revolution zu verpassen, müssen wir zunächst ins Frühjahr 2025 zurückblicken. Denn die Geschichte, die wir hier erzählen, hat längst begonnen.

Januar 2025 – DeepSeek, und du wirst finden

In Caroline Dubois’ Büro herrscht Aufregung. An diesem Morgen hat eine chinesische Firma, DeepSeek, ein neues KI-Modell veröffentlicht: R1. Es ist billig und leistungsfähig, und obwohl keine einzige europäische Firma an seiner Entwicklung beteiligt war, ist Brüssel in Aufruhr.

Caroline arbeitet zu digitaler Technologie bei der Generaldirektion Handel und wirtschaftliche Sicherheit – DG TRADE, jenem Teil der Europäischen Kommission, der sich mit Zöllen und Exportkontrollen befasst. Mit achtundzwanzig ist sie seit drei Jahren dort und hat das Gefühl, sich den Respekt ihrer Kolleginnen und Vorgesetzten zu erarbeiten. Anders als diese sorgt sie sich jedoch ernsthaft um Europas Zukunft, und die DeepSeek-Nachricht hat sie nicht beruhigt. Vor Kurzem war sie im Silicon Valley. Es liegt neuntausend Kilometer von Brüssel entfernt, aber es fühlt sich noch viel weiter an. Dass KI eine neue industrielle Revolution auslöst, ist in Kalifornien eine Binsenweisheit; in den Büros der Kommission grenzt der Gedanke an Science-Fiction.

Der Erfolg von R1 begeistert ihre Kollegen, weil sie darin den klaren Beweis sehen, dass sich modernste KI auch ohne die Ressourcen der Silicon-Valley-Giganten trainieren lässt. Europäische Politiker greifen begierig den Gedanken auf, man könne die Amerikaner überlisten – klein und wendig und clever sein, es besser machen, ohne die hunderten Milliarden Dollar, die in verschwenderische amerikanische Rechenzentren und gigantische Trainingsläufe geflossen sind.

Der Gedanke hat etwas für sich. DeepSeek hat R1 angeblich zu einem Bruchteil der Kosten von OpenAIs ChatGPT oder Anthropics Claude entwickelt und ist dabei, soweit sich das beurteilen lässt, fast ebenso leistungsfähig. Es verfügt sogar über die neue „Reasoning”-Funktion, die die amerikanischen Modelle gerade erst einzuführen begonnen haben und bei der das Modell seinen Gedankengang auf einem virtuellen Notizblock ausbreitet. Und seine Gewichte – jene mathematischen Werte, die das Modell zu dem machen, was es ist – sind öffentlich verfügbar, sodass jeder es auf seiner eigenen Infrastruktur laufen lassen kann, frei von amerikanischer Tech-Abhängigkeit.

Von der hoffnungsvollen Stimmung in Brüssel ein wenig angesteckt, ist Caroline dennoch nicht ganz bereit, mitzumachen. Sie hört aufmerksam den vorsichtigeren Stimmen zu, die darauf hinweisen, dass große Effizienzgewinne kaum etwas Unerhörtes sind – Anthropic, Google DeepMind und OpenAI finden sie ständig. DeepSeek habe kluge Forscher und sei schnell vorangekommen, werde sich aber bald durch die Rechenleistung beschränkt sehen, denn China habe schlicht nicht genug Compute, um immer neue Modelle zu trainieren, seit Amerika den Export der modernsten KI-Chips beschränkt hat, die China nicht selbst herstellen kann. Effizienzgewinne, so das Argument, ließen sich ohnehin viel leichter finden, wenn man über reichlich Rechenleistung verfüge; und DeepSeeks eigener CEO hat darauf hingewiesen, dass ihr Hauptproblem das US-Verbot von KI-Chip-Exporten sei.

Und so bleibt das Silicon Valley von R1 weitgehend unbeeindruckt. Die Hyperscaler drosseln ihre gewaltigen KI-Investitionen nicht, und nur Tage nach R1 veröffentlicht OpenAI o3-mini – ein beeindruckenderes Modell als R1 und ein Zeichen dafür, dass der amerikanische Fortschritt nach wie vor rasant ist.

In Brüssel registriert man die o3-Nachricht kaum, denn sie anzuerkennen hieße zu akzeptieren, dass die KI-Beschleunigung weitergeht, getrieben von riesigen amerikanischen Konzernen und geführt von CEOs, denen nicht zu trauen ist.

Caroline ist sich nicht sicher, welche Seite sie ergreifen soll. Vor drei Wochen war sie in Kalifornien, und was sie dort gesehen hat, lässt sie nicht los.

Sie wohnte bei Christian Vogt, einem alten Freund aus ihrem Auslandssemester in Berkeley, ein halbes Jahrzehnt zuvor; sie von Sciences Po, er von der TU München, zwei der führenden Universitäten Europas. Christian war vor drei Jahren nach San Francisco gezogen, gerade als sie bei der Kommission anfing, um eine Firma zu gründen, die Bild- und Videomodelle baut. Das Start-up war noch winzig, hatte aber kürzlich eine Series-A-Runde abgeschlossen, und Christian, ein geselliger Typ, kannte jeden.

Der ganze Besuch hatte sie aufgewühlt. Die Arbeitszeiten, die Christians Team schob, waren irrsinnig – siebzig-, achtzigstündige Wochen, Leute, die im Büro schliefen. Und als er sie zu einer Dinnerparty im Haus eines anderen Gründers in Hayes Valley mitnahm, fand sie die Gespräche fast unverständlich; nicht wegen der technischen Details, sondern wegen der tiefen Überzeugung, dass die Welt sich radikal verändern werde. „Bis Januar 2026 wird Claude wohl den größten Teil meines Codes schreiben”, sagte einer der Gäste in sachlichem Ton. Der Gastgeber erzählte, er stelle keine Junior-Entwickler mehr ein, weil ChatGPT das Programmieren auf diesem Niveau bald besser erledigen werde. Jemand erwähnte beiläufig, Artificial General Intelligence – KI, die bei den meisten Aufgaben besser ist als jeder Mensch – sei wohl zwei, drei Jahre entfernt. Caroline fragte, was das für Europa bedeute, dem es an einem konkurrenzfähigen KI-Sektor fehle; doch niemand am Tisch hatte ernstlich über Europa nachgedacht, außer als möglichem Compliance-Albtraum.

Im Waymo zurück zu Christians Wohnung sagte sie ihm, sie finde den ganzen Besuch verstörend. Christian lachte und versicherte ihr, nach ein paar Monaten im Silicon Valley werde sie die AGI selbst „spüren”. Caroline fragte sich, ob Christian und seinesgleichen Teil einer seltsamen Blase seien, eines Kults gar – oder ob sie selbst in einer Welt lebte, die bereits zur Vergangenheit gehört.

Zurück in Brüssel hatte sie überlegt, ihrem Generaldirektor von den Erlebnissen ihrer Reise zu erzählen, doch es ließ sich einfach nicht übersetzen. Die Menschen, mit denen sie gesprochen hatte, gehörten zu den klügsten, die ihr je begegnet waren: ruhig, scharfsinnig und, wie es schien, bestens informiert. In ihr regte sich der Drang, ernst zu nehmen, was sie ihr gesagt hatten, und andere dazu zu bringen, es ebenso ernst zu nehmen. Und doch hätten ihre Aussagen in einem Konferenzraum der Kommission, am anderen Ende der Welt, wahnsinnig geklungen. Also sagte sie nichts.

Am Tag nach der R1-Veröffentlichung summt ihr Telefon. Es ist Christian.

Christian: also brüssel feiert sich jetzt wegen deepseek??
Caroline: Mein Direktor meint, das ist der Beweis, dass wir aufholen können …
Christian: lol
Christian: die lesson hier ist dass reasoning-modelle funktionieren und china kann sie bauen
Christian: ausserdem ist o3-mini besser und keiner redet drüber
Christian: dein direktor sollte mal nach SF kommen
Caroline: Ich wünschte

Sie legt das Telefon weg. Sie ist sich nicht sicher, ob Christian recht hat, aber ebenso wenig, ob er unrecht hat. Die mahnenden Stimmen zu R1 klingen vernünftig für sie – die begeisterten allerdings auch.

Februar 2025 – Plug, baby, plug

Drei Wochen nach R1 richtet Emmanuel Macron in Paris den AI Action Summit aus.

Die Gipfelreihe war mit den Themen KI-Sicherheit und internationale Koordination gestartet – den Gipfel 2023 in Großbritannien hatte man AI Safety Summit genannt –, doch die Ausgabe 2025 ist anders, denn das geopolitische Umfeld hat sich verhärtet. Russland kämpft sich in der Ukraine blutig voran, und Donald Trump, seit zwei Wochen zurück im Weißen Haus, droht bereits mit Zöllen auf europäische Waren. Europa konzentriert sich jetzt auf KI-Wettbewerbsfähigkeit, nicht auf KI-Sicherheit, und der Zeitpunkt passt, denn DeepSeek hat anscheinend gezeigt, dass Aufholen möglich und vielleicht sogar billig sein könnte. Europa will signalisieren, dass es KI ernst nimmt.

Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigt einen 200-Milliarden-Euro-Fonds namens InvestAI an, der eine 20-Milliarden-Euro-Initiative für KI-Gigafabriken umfasst, mit der vier bis fünf große KI-Rechenzentren auf europäischem Boden errichtet werden sollen. Macron preist Frankreich als den besten Ort in Europa, um KI zu bauen. Mit all seiner Kernkraft könnten KI-Firmen dort ohne Probleme große Rechenzentren bauen: „plug, baby, plug”.

Nach drei Jahren in Brüssel weiß Caroline, dass man über die Zahlen in den Schlagzeilen hinausblicken muss. Die 200 Milliarden sind größtenteils eine Neuverpackung bestehender Mittel, verbunden mit der Annahme, dass die europäische Industrie ihr eigenes Geld nachschießen werde. Nur ein Bruchteil ist tatsächlich neu, und selbst der ist über fünf Jahre gestreckt. Sie schaudert beim Vergleich mit den Rechenzentrumsinvestitionen, die amerikanische Hyperscaler angekündigt haben und die 2025 voraussichtlich 400 Milliarden Dollar übersteigen werden. Trotzdem hofft sie, dass die Stimmung kippt und Europa aufwacht.

Christian: 200 milliarden?
Caroline: Das ist größtenteils Wunschdenken
Christian: die amerikaner haben echtes geld
Christian: das ding in texas wird gerade gebaut
Christian: da stehen bagger
Caroline: Ich weiß.
Christian: wie findet brüssel altman, ellison, masayoshi son auf einer bühne mit trump
Caroline: Na ja, nicht gerade begeistert.

Ob die Stimmung nun ins Gute gekippt ist oder nicht – ein Teil der Sache wird überschattet, als US-Vizepräsident JD Vance auf dem Gipfel eine aggressiv europafeindliche Rede hält. Zwei Tage später wiederholt er das Kunststück auf der Münchner Sicherheitskonferenz, und europäische Spitzenpolitiker im Publikum sind auf Kamera dabei zu sehen, wie sie sich auf die Zunge beißen.

In den Wochen danach gelangen Carolines Vorgesetzte zu dem Schluss, die transatlantische Beziehung sei faktisch zerbrochen. Washington ist nicht mehr zu trauen, weder in der Verteidigung noch in der Energie und nun gewiss auch nicht mehr in der Technologie. „Souveränität” wird zum neuen Schlagwort in den europäischen Hauptstädten.

Doch Souveränität ist leichter verkündet als erreicht, und ob der Vorstoß zu etwas führen wird, ist unklar, jedenfalls im KI-Bereich. Caroline vermutet, dass ihre Führung zwar Sorge über die neue Technologie bekundet, ihre alte Skepsis aber unter der Oberfläche noch sehr lebendig ist. Einer ihrer Kollegen, ein nachdenklicher, ranghoher Beamter, den sie mag, deutet bei einem Mittagessen kurz nach den Vance-Reden an, man brauche wohl gar keine gewaltigen Rechenzentren, damit KI funktioniere – und zwar gerade deshalb, weil Sam Altman, Larry Ellison und Donald Trump sich allesamt auf eine Bühne gestellt hätten, um das Gegenteil zu behaupten. Es ist, denkt Caroline, eine simplistische, aber nachvollziehbare Haltung, denn Brüssels Misstrauen gegenüber Trump und der Silicon-Valley-Elite sitzt tief. Und doch beunruhigt sie der Gedanke: Nur weil die anderen sagen, dass die Sonne scheint, heißt das nicht, dass es draußen dunkel ist.

August 2025 – Ewig steigen die Blasen

Nach Paris legt sich die europäische KI-Aufregung. Der Gipfel war dramatisch, doch die Monate danach sind erfüllt von langsamer und unglamouröser Politikarbeit, denn der Aufbau eines kontinentalen KI-Ökosystems erfordert, wie sich herausstellt, Dinge, die Ankündigungen allein nicht herbeizaubern können – Talente, Kapital, Energieversorgung – sowie das Know-how und die Motivation, sie zu mobilisieren. Dass die 200 Milliarden Euro weitgehend illusorisch sind, ist inzwischen allgemein bekannt, und viel der anfänglichen Euphorie ist verflogen.

In den USA gibt es kein solches Abflauen. Der Kampf um Talente heizt sich auf: Meta, das an der KI-Spitze ein wenig zurückgefallen ist, lockt Spitzenforscher von Rivalen mit Gehältern ab, neben denen Premier-League-Fußballer unterbezahlt wirken; Mark Zuckerberg kocht ihnen sogar persönlich Suppe, um sie anzuwerben. Die Trump-Regierung veröffentlicht ihre nationale KI-Strategie mit dem Titel „Winning the Race”, die Entwicklungen in der KI als „eine industrielle Revolution, eine Informationsrevolution und eine Renaissance – alles auf einmal” beschreibt.

Die Europäer, die sich für bodenständiger halten als die Amerikaner, finden die Rhetorik überhitzt und die US-Prediger unzuverlässig. Caroline hört regelmäßig von der „KI-Blase”. Ihre Kollegen haben tatsächlich schon erlebt, wie Tech-Bros den Nutzen ihrer Produkte übertrieben: „Erinnerst du dich an NFTs?”, sagt einer. „Diese Affenbilder, die Leute für 50.000 Dollar gekauft haben?”

Christian: wie läuft das blasen-gerede
Caroline: Es ist überall. Mein Direktor hat es gestern dreimal in einem Meeting gesagt
Christian: warte ab bis die anthropics umsatzzahlen sehen
Christian: die machen dieses jahr 9 milliarden
Christian: von etwa 1 milliarde letztes jahr.
Christian: das ist riiiiesig
Caroline: Ich werde es erwähnen.
Christian: wirst du nicht

Sie erwähnt es doch, aber niemand scheint sonderlich begeistert; einige Kollegen weisen darauf hin, dass Anthropic noch immer keinen Gewinn macht.

Verstärkt wird die „Blasen”-Erzählung durch die Veröffentlichung von GPT-5. OpenAI bewirbt das Modell aggressiv: Sam Altman postet ein Bild des Todessterns, Mitarbeiter sprechen vom „Jahr des KI-Agenten”. Für die Öffentlichkeit aber ist das Modell selbst eher enttäuschend, im Grunde eine geschliffenere Version des bestehenden o3, das weiterhin halluziniert und dumme Fehler macht.

In Brüssel drehen die KI-Skeptiker eine Ehrenrunde. „Ich hab dir gesagt, dass die KI bald an ihre Grenzen stößt”, sagt Carolines Kollege bei einem Bier am Place du Luxembourg. Er meint es freundlich. Caroline ist in den vergangenen Monaten in ihrer Abteilung als KI-Apostel bekannt geworden, ein Etikett, das sie sich verdient zu haben nicht sicher ist. Sie ist sich auch noch nicht mal sicher, dass ihre Kollegen falsch liegen, denn sie stimmt zu, dass GPT-5 enttäuschend war. Vielleicht übertreiben die Amerikaner. Vielleicht hat Brüssel recht.

Andererseits sagen manche Experten, GPT-5 sei in etwa das, was man angesichts der exponentiellen Wachstumskurve der KI-Fähigkeiten erwarten würde; o3 lag erst wenige Monate zurück. Doch angesichts von OpenAIs Marketing-Patzer – zu viel versprochen, zu wenig geliefert – sind Europas KI-Skeptiker taub für diese Argumente.

Caroline: Was hältst du von GPT-5?
Christian: war ein fail. sie hätten o3 unter dem namen rausbringen sollen.
Christian: aber die zugrundeliegenden capabilities entwickeln sich schnell weiter
Christian: wir nutzen o3 seit monaten in unserer pipeline und es ist der wahnsinn

Geld fließt weiterhin in die großen US-Firmen, und das Wettrennen um den Bau von Rechenzentren läuft weiter, doch das Geld scheint mittlerweile hin- und herzuspringen wie im Tischtennis. Oracle und OpenAI unterzeichnen einen 300-Milliarden-Dollar-Compute-Deal, von dem das meiste für NVIDIA-Chips ausgegeben wird, und NVIDIA wiederum willigt ein, 100 Milliarden Dollar in OpenAI zu investieren. In San Francisco gelten die Deals als Beweis für die transformative Natur der Technologie – die alten Regeln gelten nicht mehr; in Brüssel sehen sie aus wie die Credit Default Swaps von 2007: komplex, zirkulär, instabil und mit hoher Wahrscheinlichkeit auf ein böses Ende zulaufend.

Eben deshalb wird es als großer Erfolg für Europa gefeiert, dass die französische Firma Mistral eine Investition von 1,7 Milliarden Euro einfährt – das meiste davon vom niederländischen Lithografiemaschinenhersteller ASML –, obwohl die Finanzierungsrunde zwanzigmal kleiner ist als die von OpenAI. Das Blasen-Gerede sorgt dafür, dass sich kaum ein Europäer Sorgen macht, KI-Firmen könnten zu wenig Geld haben: Wenn KI überhypt ist, gibt es keinen Grund zur Eile.

November 2025 – Welten dazwischen

Im November veröffentlicht Anthropic Claude Opus 4.5. Es gibt keinen Todesstern-Tweet, keinen Countdown, kein Event. Das Modell ist gut – nach allgemeinem Urteil besser als GPT-5 –, doch die Veröffentlichung ist, gemessen an den Maßstäben von 2025, undramatisch.

Dramatisch ist, was die Leute damit zu tun beginnen.

Der Durchbruch bei den KI-Agenten ist da, aber nicht so, wie man ihn sich vorgestellt hatte. Anfangs, im Frühling und Sommer, hatten die großen KI-Firmen diverse Produkte veröffentlicht, die direkt den Computer steuerten. Sie bewegten die Maus, füllten Webformulare aus, klickten sich durch Buchungsabläufe. In der Theorie hübsch, funktionierten sie in der Praxis meist nicht, und viele, die sie ausprobierten, kamen zu dem Schluss, dass KI-Agenten noch nicht reif für die große Bühne seien.

Was hingegen funktioniert, so stellt sich nun heraus, sind Agenten, die Code schreiben. Anthropics Claude Code, ein terminal-basiertes Werkzeug, wird – einmal mit dem neuen Opus 4.5 gepaart – zum Überraschungserfolg des Jahres. Christians Freund hatte recht: Als der Januar kommt, sind die meisten Codezeilen in Hayes Valley tatsächlich von KI geschrieben. Entwickler erkennen schnell, dass Code die universelle Schnittstelle ist, denn wer Code schreiben kann, kann alles tun, was ein Computer kann. Du willst eine E-Mail senden? Navigiere nicht durch Gmail; Claude Code, schreib ein Skript. Du willst Dokumente ordnen? Claude Code, schreib ein Skript.

In San Francisco wird das gängige Praxis, man spricht von „Claude-Code-Mania”. Entwickler verbrennen Tausende Dollar im Monat an Tokens und weigern sich, schlafen zu gehen, ohne zuvor Aufgaben für Claude in die Warteschlange gestellt zu haben, die es bis zum Morgen erledigen soll. Sie glauben, mit gutem Grund, dass sich das lohnt, denn die Produktivitätsgewinne sind außergewöhnlich. Anthropic wird zur am schnellsten wachsenden Firma der Geschichte.

Christian: der grossteil unseres codes wird jetzt von claude geschrieben
Christian: ich meine nicht assistiert ich meine komplett end to end
Christian: meine entwickler managen die agenten wie ein junior-team
Christian: nur dass es nie schläft :D
Caroline: Ist das gut für deine Leute?
Christian: vorerst ja
Christian: riesiger produktivitätsschub
Christian: die labs nutzen es intern und ihr fortschritt beschleunigt sich
Christian: also spürbar beschleunigt
Christian: ausserdem shippen sie jetzt alle drei monate ein neues opus
Christian: früher alle sechs

Caroline liest die Nachrichten in der Metro zur Arbeit, und als sie an ihrem Schreibtisch ankommt, hat sie beschlossen, es im Morgenmeeting ihrer Abteilung anzusprechen.

Es läuft nicht gut. Sie erwähnt die Produktivitätsgewinne, die neuen Umsatzzahlen, den verkürzten Veröffentlichungszyklus, die KI-Firmen, die ihre eigene KI nutzen, um ihre nächsten Modelle zu bauen. Der Raum bleibt höflich. Jemand fragt, ob sie seriöse Studien habe, die die Produktivitätsgewinne belegen; jemand anderes merkt sanft an, dass KI-Agenten für Endverbraucher das ganze Jahr über eine Enttäuschung gewesen seien. Caroline entgegnet, die Verbraucher-Agenten seien nicht der Punkt, sondern die Selbstverbesserung – und der Raum geht zur Tagesordnung über.

Ihre Kolleginnen und Kollegen dürfen ohnehin per institutioneller Richtlinie Claude oder ChatGPT auf Arbeitsgeräten faktisch nicht nutzen, weil eigenständige amerikanische KI-Tools als Datenschutzrisiko gelten. Die Kommission bietet ihr eigenes „GPT” an, das im Grunde ein Wrapper um ein paar Open-Source-Modelle ist; die Beamten, die eigentlich Frontier-KI-Systeme regulieren sollen, können sie meist selbst offiziell nicht nutzen.

Sie geht zurück in ihr Büro, ungeheuer frustriert über die Sturheit ihrer Kollegen, und versucht sich zu erinnern, wann genau sie aufgehört hatte, an den Fähigkeiten der KI zu zweifeln.

Februar 2026 – Zweifrontenkrieg

Die erste Hälfte des Jahres 2026 ist, realistisch betrachtet, nicht der ideale Zeitpunkt für Europa, um beachtenswerte Fortschritte in der KI-Politik zu machen, denn es passiert zu viel. Im Januar überfallen US-Spezialkräfte Caracas und entführen Nicolás Maduro; Tage später droht Trump, Grönland zu erobern. Im Februar bombardieren die Vereinigten Staaten und Israel den Iran, die Ölpreise schießen in die Höhe, und Trump droht, die NATO zu verlassen, falls die europäischen Verbündeten keine Schiffe schickten, um die Straße von Hormus wieder zu öffnen.

Dann zieht das US Department of War (DoW) gegen Anthropic in den Krieg.

Ausgelöst wird der Bruch durch einen Vertragsstreit. Anthropic hatte seine Modelle dem DoW bereitgestellt, und mit der Zeit sind sie für dessen militärische Operationen unverzichtbar geworden, auch für jene in Venezuela. Der Vertrag legte zwei rote Linien fest: Claude darf noch nicht für vollautonome Waffen verwendet werden, und es darf nicht für die Massenüberwachung von US-Bürgern eingesetzt werden – Bedingungen, auf denen Anthropic angeblich von Anfang an bestanden hat.

Das Pentagon will sie nun neu verhandeln, und als Anthropic sich weigert, eskaliert der Streit schnell. Zunächst droht das DoW, Anthropic über den Defense Production Act zu uneingeschränktem Zugang zu zwingen; dann tut es das Gegenteil und stuft die Firma als Lieferkettenrisiko ein – eine Kategorie, die normalerweise Firmen vorbehalten ist, von denen die Regierung annimmt, dass sie von feindlichen ausländischen Mächten unterwandert sind. Wie der Secretary of War es formuliert, verhindert die Einstufung, dass irgendeine andere Firma, die mit dem Pentagon zusammenarbeitet, mit Anthropic Geschäfte macht, was das Unternehmen faktisch zerstören würde – schließlich arbeiten Anthropics Compute-Anbieter allesamt mit dem DoW.

Caroline: Was bräuchte es, damit Anthropic in die EU umzieht?
Christian: werden sie nicht
Christian: sie sind patrioten. sie wollen, dass amerika gewinnt.
Christian: ihr könntet das urheberrecht und den arbeitsschutz abschaffen
Christian: datacenter-genehmigungen fixen. massiver ausbau. steuererleichterungen
Caroline: Das wird nicht durchgehen. Wir sind nicht Amerika.
Christian: ihr könntet es ihnen wenigstens attraktiver machen, in europa zu expandieren
Caroline: Hier sorgen sich die Leute, dass sie nach London gehen.
Christian: warum wäre das schlimm?

Caroline klebt an den Nachrichten, und die Teile fügen sich auf unangenehme Weise zusammen. Der US-Regierung ist die Tragweite der Situation bewusst geworden, und nun versucht sie, Anthropic zu bekämpfen, weil sie es nicht kontrollieren kann. In Brüssel ist es Beamten verboten, Frontier-KI-Tools zum Verfassen von Memos zu nutzen; in Washington werden sie zur Planung militärischer Operationen eingesetzt.

Anthropic gewinnt eine einstweilige Verfügung gegen die Lieferkettenrisiko-Einstufung, doch das Verhältnis zwischen Firma und Regierung ist nun vorerst zerrüttet.

März 2026 – Die wilde Frontier

Schon im November hatten Frankreich, Deutschland und die Europäische Kommission die Frontier AI Initiative angekündigt. Der Plan war, bis Ende des ersten Quartals 2026 die am besten finanzierte gemeinnützige KI-Forschungsorganisation der Welt aufzubauen. Europa, so hieß es in der Ankündigung, verfüge über all das Talent und die Daten, die es brauche, und baue über seine Gigafabriken Rechenleistung auf; was fehle, sei eine Initiative, die diese Bestandteile zusammenführe. Insider waren begeistert.

Doch als das erste Quartal endet, gibt es keine gemeinnützige Organisation. Ein Forschungsinstitut von Weltrang aufzubauen ist schwer, besonders wenn man von einer geopolitischen Krise nach der anderen gebeutelt wird. Was ebenfalls nicht hilft, ist, dass die Berater der Initiative wild widersprüchliche Ratschläge geben: Einige sagen, LLMs seien eine Sackgasse auf dem Weg zur AGI, und die Stiftung solle versuchen, ein neues Paradigma zu finden; andere wollen eine bestimmte Nische besetzen, sei es KI für die Wissenschaft oder KI für die Industrie; wieder andere reden irgendetwas davon, man müsse sich auf die Zukunft des Quantencomputings vorbereiten. In der von der Kommission konsultierten Gruppe herrscht kein Konsens.

Auch das Geld ist knapp. Frankreich hat massive Schuldenprobleme, der neue Haushaltszyklus der Europäischen Kommission liegt noch zwei Jahre entfernt, und Deutschland hat zwar Geld, hat aber gerade beschlossen, Europas stärkste konventionelle Armee aufzubauen.

Ist die Frontier AI Initiative aber nicht gut finanziert, kann sie weder die Rechenleistung noch die Vergütungspakete bieten, die mit US-Firmen konkurrieren könnten – und ohne Weltklasse-Talent ist es wiederum schwierig, mehr Geld zu sichern. Es kursieren Gerüchte, die Initiative stecke in einer Schleife fest, die europäischen Tech-Ambitionen vertraut ist: Institutionen scheuen sich, sich zu verpflichten, bevor es funktioniert, und ohne Verpflichtung kann es nicht funktionieren.

Im März sammelt OpenAI in einer einzigen Finanzierungsrunde 122 Milliarden Dollar ein.

Caroline: Kennst du jemanden, der eine gute Leitung für die Frontier-Initiative wäre?
Christian: auf einem brüsseler gehalt?
Caroline: die Leute scheinen offen für Ausnahmen
Christian: ich frag mal rum
Christian: dir ist klar, dass das nur funktioniert, wenn ihr die ganze bürokratie streicht oder?
Christian: so wie uk es gemacht hat
Christian: übrigens, hast du die openai-zahl gesehen?
Caroline: Ja.
Christian: das ist mehr als jede europäische ki-firma jemals zusammen geraised hat
Christian: in einer einzigen runde

April 2026 – Mythos

Anthropic kündigt Claude Mythos an, das bislang leistungsfähigste KI-Modell.

Anthropics interne Tests haben ergeben, dass das Modell in Cyberangriffen so versiert ist, dass es geholfen hat, tausende bislang unbekannter Schwachstellen in allen großen Betriebssystemen und Webbrowsern aufzuspüren. Einige davon sind Jahrzehnte alt und schlummerten unentdeckt in Codebasen, die über viele Jahre von Tausenden Entwicklern und Cyber-Sicherheitsforschern überprüft worden waren; Mythos fand sie binnen Wochen.

Praktisch über Nacht ist Anthropic zu einer der fähigsten Cyber-Organisationen des Planeten geworden, und es beschließt, dass Mythos nicht veröffentlicht werden kann, bis die Verteidiger Gelegenheit hatten, die verbleibenden Lücken in ihrer Software zu schließen.

Das Unternehmen startet Project Glasswing, eine defensive Koalition, die einer kleinen Gruppe von Partnern – darunter AWS, Apple, Google, Microsoft, Nvidia, CrowdStrike – exklusiven Zugang zu Mythos gewährt, um Schwachstellen zu finden, bevor Gegner sie ausnutzen können. Das Ziel ist, die amerikanische Software-Infrastruktur abzusichern, bevor offene Modelle vergleichbare offensive Fähigkeiten erreichen, was Anthropic auf sechs bis zwölf Monate schätzt.

Das UK AI Security Institute, das im britischen Regierungsapparat hochmoderne KI-Expertise aufgebaut hat, wird zum Testen eingeladen; doch keiner europäischen Firma und keiner europäischen Regierung wird Zugang gewährt.

Christian: von glasswing hast du sicher gehört
Caroline: Ja.
Christian: keine einzige europäische firma dabei
Caroline: Ist mir bewusst.
Christian: der gesamte software-stack des kontinents wird gegenüber amerikanischen ki-fähigkeiten verwundbar sein
Christian: versteht in brüssel überhaupt jemand, was das bedeutet

Viele Europäer bezweifeln, dass Mythos so leistungsfähig ist wie behauptet. „Sie hypen ihre Produkte”, spottet ein Agrarjurist der Europäischen Kommission, der am Nebentisch von Caroline in der Kantine sitzt. „Oh nein, wir haben eine Atombombe gebaut. Aber keine Sorge, wir können euch einen Bunker verkaufen!” Als Caroline widerspricht, weist der Jurist darauf hin, dass es unmöglich sei, Anthropics Behauptungen zu überprüfen, solange sie das Modell nicht veröffentlichten. „Wie praktisch!”

Caroline kann ihren Ärger kaum zügeln. Warum sollten all diese großen Firmen sich öffentlich mit Project Glasswing assoziieren, wenn die ganze Sache ein Schwindel wäre? Wie kommt es, dass Mozilla in diesem Monat zwanzigmal mehr Schwachstellen identifiziert hat als sonst? Sie arbeitet die Nacht durch, um ein Memo über die strategischen Implikationen des europäischen Ausschlusses von Glasswing zu schreiben, und schafft es, ein dringliches Briefing mit ihrem Direktor zu bekommen, der sich diesmal als viel empfänglicher erweist.

In den folgenden Wochen drängen die EU und die Regierungen der Mitgliedstaaten Anthropic, ihnen Zugang zu gewähren – führende Politiker erkennen eine Bedrohung der nationalen Sicherheit, wenn sie eine sehen. Anthropic ist vorsichtig, aber gesprächsbereit. Doch als das Unternehmen schließlich ankündigt, den Zugang zu Mythos auf siebzig weitere Organisationen ausweiten zu wollen – viele davon europäisch –, erhebt das Weiße Haus Einspruch. Es sei nicht sicher, heißt es; außerdem sei Anthropics Compute endlich, und mehr Partner bedeute weniger Kapazität für Workloads der US-Regierung.

Einen Monat zuvor hatte die US-Administration Anthropic vom Erdboden tilgen wollen; jetzt will sie das leistungsstärkste Modell des Unternehmens weitgehend für sich behalten. Sie findet einen Umweg, damit Behörden über Glasswing auf Mythos zugreifen können, während die Lieferketten-Einstufung technisch noch in Kraft ist. Plötzlich entscheidet das Weiße Haus, dass es mit Anthropic doch zurechtkommt; der Präsident nennt Anthropic noch immer „woke”, jetzt aber auch „very clever”.

Juni 2026 – Ernüchterung

Nach achtzehn Monaten des Wartens hat DeepSeek sein nächstes Modell veröffentlicht, V4. Es ist beeindruckend angesichts der begrenzten Ressourcen des Unternehmens, liegt aber dennoch mindestens sechs Monate hinter der amerikanischen Frontier zurück, und DeepSeek räumt ein, dass es ihm an der Rechenleistung fehle, um flächendeckend Nutzer zu bedienen. Das Unternehmen, das Europa kurzzeitig davon überzeugte, Compute spiele keine Rolle, ist so compute-limitiert wie eh und je.

Europa strauchelt noch mehr als China. Mistral ist weiter zurückgefallen; es hat zwar weitere 830 Millionen Euro aufgenommen, in einer Runde, die 150-mal kleiner ist als OpenAIs jüngste, doch verzweifelt auf der Suche nach mehr Kapital hat es begonnen, mit amerikanischen Investoren zu sprechen. Ein Gerücht macht die Runde, dass SpaceX, Elon Musks Raketen- und KI-Konglomerat, eine Übernahme prüfe.

Christian: mistral geht womöglich wirklich an spacex
Caroline: Die französische Regierung würde das nie zulassen.
Christian: sie brauchen aber zugang zu riesigen mengen compute und kapital
Christian: ich glaube sie verkaufen oder machen mit beratungs-pivot weiter
Christian: so oder so, das ist das ende für frontier ai in europa
Christian: das war's. game over

Bei der Infrastruktur sieht es ebenso düster aus. Der größte KI-Supercomputer in den USA läuft mit 1.250 Megawatt, der größte in Europa mit dreiundachtzig. Der Gigafabrik-Plan hinkt weit hinterher, der erwartete Betriebsbeginn ist auf 2029 verschoben, und Haushaltsbeschränkungen bedeuten, dass er im Ehrgeiz zurückgefahren wird. Selbst wenn morgen wie durch Zauberei eine fertige Gigafabrik vom Himmel fiele, wäre sie etwa ein Zehntel der Größe von Amerikas größtem KI-Rechenzentrum. Auf Europa entfallen nur fünf Prozent der weltweiten KI-Rechenleistung, auf die Vereinigten Staaten rund achtzig.

Sicher, es gibt auch ein paar gute Nachrichten. Softbank, dasselbe Unternehmen, das mit Präsident Trump auf der Bühne stand, hat versprochen, über die nächsten fünf Jahre 45 Milliarden Dollar in den Aufbau von KI-Rechenzentrumskapazität in Frankreich zu investieren. Aber Caroline hat gelernt, solche Versprechen mit Vorsicht zu genießen. Fluidstack etwa, ein Cloud-Anbieter, der nahe Paris ein Rechenzentrum im Gigawatt-Bereich bauen wollte, hat das Vorhaben kürzlich fallen gelassen – und setzte dem Ganzen die Krone auf, indem es seinen Hauptsitz von London in die USA verlegte. Auch OpenAI zog seine Pläne für ein großes Rechenzentrum in Großbritannien zurück, unter Verweis auf regulatorische Hürden.

Als die EU im Juni ihr lang erwartetes Tech-Souveränitätspaket ankündigt, fühlt Caroline sich angesichts des Trubels zwiegespalten. Einerseits ist die Diagnose richtig: Europa ist tatsächlich zu abhängig von amerikanischer Technologie geworden, und eine ihrer vorgeschlagenen Lösungen hat es ebenfalls ins Paket geschafft, in Form eines Vorschlags für ausgewiesene Zonen, in denen man KI-Rechenzentren in beschleunigtem Tempo bauen kann. Andererseits gehen die Zahlen nicht auf, denn das erklärte Ziel der EU ist, bis 2036 200 Milliarden Euro an privatem Kapital für KI-Rechenzentren anzuziehen – ein Viertel dessen, was die amerikanischen Hyperscaler allein 2026 ausgeben. Als sie die Lage einem Freund erklärt, entgegnet er: „Du schlägst also ein zehnjähriges Programm in der Größenordnung der Quartalsinvestitionen eines einzigen Hyperscalers vor und nennst das eine historische Mobilisierung?”

Nach ausgiebigen Verhandlungen ist einer ausgewählten Gruppe von Europäern mittlerweile Zugang zu Mythos versprochen worden; doch während die Rechtsabteilungen noch Vertragsdetails ausarbeiten, trainiert Anthropic bereits Mythos 2.0. Schlimmer noch, der US-Präsident hat gerade eine Executive Order unterzeichnet, die Frontier-KI-Unternehmen auffordert, der US-Regierung ‚freiwillig’ zu erlauben, ihre Modelle auf Cyberrisiken zu prüfen, und die den Regierungsbehörden Zugang zu diesen Modellen verschafft, noch bevor sie veröffentlicht werden. Die Details dieser nationalen Sicherheitsprüfung sind dürftig, doch die Struktur ist klar genug: Jedes Modell, das mächtig genug ist, um zu zählen – ein „covered frontier model” in der Sprache der EO –, durchläuft nun zuerst Washington, das bis zu dreißig Tage exklusiven Zugang vor der Veröffentlichung erhält sowie ein Mitspracherecht, welche „vertrauenswürdigen Partner” das Modell vor einer vollständigen öffentlichen Veröffentlichung nutzen dürfen.

Caroline liest es zweimal. Das Dreißig-Tage-Fenster lässt sich verkraften, doch weil die Regierung die Partner auswählen darf, wird die Frage, wer das Modell bekommt, solange es noch nicht veröffentlicht ist, jetzt in Washington entschieden – in einem geheimen Verfahren, und ohne besonderen Grund, einen europäischen Namen auf die Liste zu setzen.

Christian: hast du die executive order gesehen?
Christian: das ist glasswing, aber für jedes next-gen-modell von jetzt an
Christian: keine klausel über verbündete. nicht eine
Caroline: Ich weiß
Christian: also ob europa frühen zugang zu frontier-modellen bekommt
Christian: ist jetzt eine ermessensentscheidung
Christian: alle drei monate, für immer

Unterdessen verzeichnen Anthropic und OpenAI weiterhin exponentielles Umsatzwachstum; Ersteres ist auf Kurs, bis Jahresende 100 Milliarden Dollar Umsatz zu erreichen, und hat Notfall-Compute-Deals unterzeichnet, um seinen rasch wachsenden Kundenstamm zu bedienen. In den KI-Firmen ändern sich die internen Arbeitsabläufe inzwischen fast im Monatsrhythmus, weil die Modelle neue Arbeitsweisen ermöglichen. Forscher steuern Schwärme von Agenten, die den Großteil der Programmierarbeit übernehmen, und die KI trägt zu ihrer eigenen Forschung und Entwicklung bei – sie verbessert sich selbst und nutzt diese Fortschritte, um besser darin zu werden, besser zu werden. Ein paar Monate zuvor hatte die US-Notenbank Forschung veröffentlicht, die zeigte, dass das Beschäftigungsniveau unter Junior-Softwareentwicklern deutlich unter den Erwartungen liegt, und die Aktien von Softwarefirmen stürzen ab, da Investoren davon ausgehen, dass leistungsstarke Programmier-KI ihnen das Wasser abgraben wird.

Caroline hat vieles davon achtzehn Monate lang kommen sehen, ohne einen nennenswerten Unterschied machen zu können.

Das Szenario

Bis zu diesem Punkt ist alles, was wir gesagt haben, tatsächlich geschehen – mit Ausnahme von Carolines und Christians persönlichen Geschichten, die fiktionale Elemente darstellen. Von hier an beginnen wir zu spekulieren. Wir benennen keine einzelnen KI-Unternehmen mehr, sondern verweisen auf erfundene Akteure: Atlas für das führende amerikanische KI-Unternehmen, Helios für das führende europäische und Zimo für das führende chinesische.

Die zwölf EU-Sterne, zur Hälfte in Pixelstaub aufgelöst.

August 2026 – Weggabelung

Im Februar war der deutsche Bundeskanzler zu einem Staatsbesuch nach China gereist und hatte in Hangzhou chinesische E-Auto- und Roboterfabriken besichtigt. Insidern zufolge kehrte er ernüchtert und alarmiert zurück – überzeugt davon, dass die deutschen Hersteller gegenüber ihren chinesischen Konkurrenten den Anschluss zu verlieren drohen, wenn die Branche nicht an Tempo zulegt. Nun plant er eine ähnliche Reise nach San Francisco, denn in den letzten Monaten haben Menschen, die er respektiert – deutsche Wirtschaftsführer und Ökonomen, amerikanische Banker –, ihm gesagt, die KI-Revolution sei real, und er will es mit eigenen Augen sehen. Eine Industriedelegation begleitet ihn.

Der Kanzler ist kein Mann, der sich leicht beeindrucken lässt, und doch kehrt er auch diesmal stiller zurück, als er aufgebrochen ist. Ihm ist klargeworden, dass die europäischen Eliten die vergangenen achtzehn Monate falsch gedeutet haben. Während sie debattierten, ob die KI an Grenzen stoßen würde, entwickelte sich die Technologie schneller, als selbst die Optimisten vorhergesagt hatten; während sie die Tragweite der KI abwogen, revolutionierte sie bereits die Softwareentwicklung und die Cybersicherheit; und während sie ihre Initiativen für eine souveräne europäische KI feierten, vertiefte sich ihre Abhängigkeit von amerikanischen Anbietern nur weiter.

In den folgenden Tagen führt er eine Reihe langer Telefonate mit dem französischen Präsidenten und der Präsidentin der Europäischen Kommission, und alle drei sind der Ansicht, dass Europa einen Wendepunkt erreicht hat. KI-Systeme werden immer leistungsfähiger werden, und es gibt keinen guten Grund zu glauben, dass sie auf menschlichem Niveau haltmachen werden. Sie werden Arbeitsmärkte, Sicherheitsarchitekturen und das Machtgleichgewicht zwischen Supermächten neu ordnen. Europa ist abhängig und unvorbereitet – wenn das Schiff also gewendet werden soll, muss es jetzt gewendet werden.

Die Frage ist, wie. Ihre technischen Berater plädieren für einen regulatorischen Freibrief für KI-Unternehmen, Rechenzentrumsbetreiber, sowie andere Unternehmen in der Hardware-Lieferkette; nur eine wirklich wirkmächtige Antwort, sagen sie, sei der Herausforderung angemessen. Die KI werde eine neue industrielle Revolution auslösen, und wenn Europa nicht rasch dieser anschließe, werde es abgehängt – es müsse ein höheres Tempo anschlagen, als es das in Friedenszeiten je versucht habe.

Ihre politischen Berater hingegen flehen um etwas Zurückhaltenderes und warnen, dass ihre Regierungen die öffentliche Gegenreaktion auf ein solches Paket möglicherweise nicht überleben würden. Die Menschen mögen KI nicht; Frankreich, Deutschland und die EU stehen vor vielen anderen wichtigen Herausforderungen, und nur ein kleiner Bruchteil der Wähler werde die Notwendigkeit verstehen. Die „wirkmächtige Antwort”, sagen sie, sei am wirksamsten darin, politische Karrieren zu beenden.

September 2026 – Eine positive Vision

Auf der Neuauflage des deutsch-französischen KI-Souveränitätsgipfels in Straßburg halten der französische Präsident und der deutsche Bundeskanzler eine gemeinsame Ansprache, geschrieben von ihren politischen Beratern.

Caroline sieht zu Hause in Lille zu. Die beiden Staatsmänner sprechen von Entschlossenheit: Europa könne es sich nicht länger leisten, bei strategischen Technologien von anderen abhängig zu sein, sagen sie, eine Lektion, die man bei der Verteidigung und der Energie bereits schmerzhaft gelernt habe. Also müsse Europa seine eigene Frontier-KI bauen.

Die Herausforderung sei riesig, aber zu bewältigen. Was nötig sei, seien Investitionen, Regeln, die amerikanische Anbieter zum Fairplay zwingen, und eine Öffentlichkeit, die europäisch kaufe. Die Rede hat ausgezeichnete Slogans.

In den folgenden Wochen kommen die KI-Ankündigungen fast täglich, denn der Plan ist, die Skeptiker zu überrumpeln und ein Gefühl der Hoffnung zu verbreiten. Die Frontier-AI-Initiative wird großzügig mit einer Kapitalspritze von 2 Milliarden Euro ausgestattet, vier weitere Gigafabriken werden angekündigt, neue Programme zur Einführung von KI aufgelegt. Die Europäische Kommission geht gegen einen amerikanischen Anbieter von KI-Modellen vor, weil er gegen den AI Act verstößt, und leitet außerdem nach dem Digital Services Act zwei Verfahren wegen systemischer Risiken ein – wegen des Umgangs der Anbieter mit KI-generierter Desinformation –, wobei sie sich auf eine sehr weit gefasste Interpretation des Gesetzes stützt.

Die Leitmaßnahme – jene, über die Carolines Kollegen beim Kaffee reden – ist ein Kommissionsvorschlag, unterstützt von Frankreich und Deutschland, für eine Verordnung zur digitalen Souveränität, die vorschreibt, dass kritische Systeme des öffentlichen Sektors bis 2032 zu 100 Prozent auf europäischer Cloud- und KI-Software laufen müssen. Keine amerikanische KI mehr, keine amerikanischen Clouds. Sie ist den europäischen Klimazielen nachempfunden und würde jene Art von verbindlicher Frist schaffen, die alle Beteiligten zum Handeln zwingt; zugleich würde sie europäischen Anbietern einen großen, garantierten Kundenstamm sichern.

Die Maßnahmen werden gut aufgenommen. Die Entkopplung von den USA ist populär, und Kommentatoren feiern den Schritt als Industriepolitik für das KI-Zeitalter – Europa stütze endlich seine eigenen Technologieunternehmen. Selbst Carolines skeptischere Kollegen räumen ein, dass sich endlich etwas bewegt.

Einige Ökonomen und Technologiepolitiker äußern Zweifel. Europa könne harten Zielkonflikten nicht länger ausweichen, sagen sie. Die Investitionen seien zu klein und entfalteten zu wenig Hebelwirkung – wo seien die Marktanreize, um Rechenkapazitäten in großem Maßstab auf europäischem Boden aufzubauen? Die Beschaffungsziele gingen die grundlegenden Probleme nicht an: etwa den fragmentierten Binnenmarkt, starre Arbeitsgesetze für Top-Talente, die das Anwerben von Spitzenkräften erschwerten, oder nationale Regeln, die Branchen wie das Gesundheits- und Rechtswesen faktisch abschotteten. Und während die regulatorischen Maßnahmen nach dem AI Act gut begründet seien, schienen jene nach dem Digital Services Act zumindest teilweise politisch motiviert. Sollte Europa seine Kämpfe nicht mit mehr Bedacht wählen?

Doch die europäischen Eliten sind der Schwarzmalerei überdrüssig. Hier ist eine positive Vision, ein Moment des Schulterschlusses. Zweifler behalten ihre Bedenken für sich.

Caroline hat durchaus Zweifel. Sie ist beunruhigt, dass das gesamte KI-Souveränitätspaket davon ausgeht, dass Europa in neun Jahren noch einen schützenswerten Frontier-KI-Sektor haben wird. Was, wenn nicht?

Sie schreibt ein Memo, das genau diesen Punkt macht und Maßnahmen fordert, die Hebelwirkung aufbauen – einen Notfallplan für den Fall, dass der europäische KI-Champion Helios die Lücke nicht schließen kann, oder die Gigafabriken zu kurz greifen, oder die Buy-European-Mandate die öffentlichen Verwaltungen mit schlechteren Werkzeugen zurücklassen als die amerikanischen. Ihr Direktor liest die Notiz sorgfältig. Es sei, sagt er ihr, ein durchdachter Beitrag, und er verspricht, ihn nach oben weiterzureichen.

Christian: 2030? 100% souverän?
Christian: was ist plan b?
Caroline: Es gibt keinen.
Christian: natürlich gibt es keinen

Unter vier Augen sagen sich der deutsche Bundeskanzler und der französische Präsident, sie hätten getan, was in ihrer Macht stand. Selbst sie könnten sich nicht über so viele politische Zwänge auf einmal hinwegsetzen; mehr hätte das System nicht verkraften können.

Juni 2027 – Das Fenster schließt sich

Im Sommer darauf veröffentlicht das chinesische Labor Zimo die Gewichte eines Modells der Mythos-Klasse, und die offensiven Cyberfähigkeiten, die Anthropic mit Project Glasswing unter Verschluss gehalten hatte, stehen nun jedem offen. Und nicht alle, die nun Zugriff haben, führen Gutes im Schilde.

Mit den neuen Fähigkeiten fahren Hacker durch alte, schlecht gesicherte Standardsoftware wie eine Kettensäge durch Seidenpapier. Europäische Universitäten, Krankenhäuser, Regionalverwaltungen, jede Einrichtung ohne Cyberverteidigung der Mythos-Klasse wird aus den eigenen Systemen ausgesperrt. Auf den Bildschirmen stehen Krypto-Wallet-Adressen, und es bleibt keine andere Wahl, als zu zahlen. Eine Chance hat nur, wer selbst KI zur Verteidigung einsetzt. Der Zorn der Menschen entlädt sich auf die KI-Firmen. Sie haben die Seuche losgelassen und lassen sich die Heilung jetzt teuer bezahlen.

Europa bekommt die Folgen seines Souveränitätskurses jetzt am eigenen Leib zu spüren. Die Digital Sovereignty Regulation ist gerade verabschiedet worden, und mehrere Mitgliedstaaten haben begonnen, ihre Beschaffung umzustellen, doch der amerikanische KI-Marktführer Atlas ist Europas Champion Helios in der Cyberverteidigung meilenweit voraus. Ausgerechnet jene Behörden, die sich der ‚Buy European’-Agenda am stärksten verschrieben und ausschließlich von europäischen Anbietern beschafft haben, zahlen nun die Lösegelder.

Wer nebenbei noch einen amerikanischen Vertrag behalten hat, steht besser da, doch auch dort bleibt die Verteidigung zweitklassig. Seit der Executive Order winkt die US-Regierung jedes neue Frontier-Modell informell zur Veröffentlichung durch, und so erreichen die besten amerikanischen Cyber-Modelle Europa erst zwei bis sechs Monate nach ihrem Erscheinen in den USA, gefährlich nahe am Open-Source-Frontier und lange, nachdem amerikanische Hacker längst Zugriff haben. Offiziell dient das der Sicherheit und der Aufsicht. Inoffiziell hat Washington einen asymmetrischen Vorteil entdeckt und denkt nicht daran, ihn herzugeben.

Caroline verbringt den Großteil des Juni in Telefonaten mit den Regierungen der Mitgliedstaaten. Die Gespräche sind kurz und unangenehm.

Christian: wie kommt brüssel mit der ransomware-welle klar
Caroline: Schlecht. Die Souveränitätspolitik beißt uns.
Christian: die ironie
Caroline: Es ist nicht mehr lustig.
Christian: sorry. du hast recht

Gerade als die Lage in Europa unhaltbar wird, kündigen sowohl die USA als auch China strenge Beschränkungen für die Open-Source-Veröffentlichung von Frontier-KI-Modellen an. Washington beruft sich auf die nationale Sicherheit und verweist darauf, dass Open Source die Forschung von Gegnern beschleunige und autonome Cyber-Fähigkeiten verbreite. Peking spricht von gesellschaftlicher Stabilität und Ordnung. Ausnahmsweise kommen die beiden Regierungen zum selben Schluss. Frontier-Modellgewichte sind zu gefährlich geworden, um sie noch an jeden zu verschenken.

Als Caroline am Abend der chinesischen Ankündigung das Büro verlässt, liegt eine gelöste Stimmung in der Luft. Dabei hatte das Tech-Souveränitätspaket der EU Open-Source-Modelle noch als Gegengewicht zur amerikanischen KI-Dominanz gepriesen. Und doch sind ihre Kollegen erleichtert. Die Ransomware-Welle werde abebben, die Offensive schwächeln, die Verteidigung aufholen, die Krise sei eingedämmt. Kaum jemand scheint noch daran zu denken, was das Open-Source-Verbot für Europas wachsende Abhängigkeit bedeutet.

Januar 2028 – Bilanz

Sechzehn Monate nach Straßburg wird Caroline befördert und wechselt in ein anderes Team.

Die KI macht noch schnellere Fortschritte als 2026, genau wie es die Tech-CEOs vorhergesagt hatten. Agenten machen nun Tabellenkalkulation, entwerfen Software, bedienen Finanzanwendungen. Ein Modell erzeugt ein Bild, ein anderes öffnet Photoshop und klickt sich durch fünfzig Iterationen, bis die Komposition stimmt. In einer Vorführung beobachtet Caroline einen Agenten, der mit doppelter menschlicher Geschwindigkeit und ohne einen einzigen Fehltritt durch Unternehmenssoftware navigiert. Es ist verstörend, ihm dabei zuzusehen. Die führenden US-Labore sind drauf und dran, die KI-Forschung selbst zu automatisieren. Atlas ist an die Börse gegangen, seine Marktkapitalisierung erreicht vier Billionen Euro, und mittlerweile sind sich alle einig, dass KI das nächste große Ding ist.

Auch das Feld der Wettbewerber an der KI-Weltspitze hat sich gelichtet, eine Folge des explodierenden Kapitalbedarfs und der zunehmenden Schwungrad-Effekte in der KI-Forschung. Die amerikanischen KI-Unternehmen auf den Plätzen vier und fünf sind weiter zurückgefallen. Eines erwägt, seine Frontier-Forschung in einer Partnerschaft mit dem Marktführer aufgehen zu lassen, ein anderes hat nebenher einen Cloud-Dienst aufgebaut und versucht sich an eigenen KI-Chips.

Helios, das auf der europäischen Souveränitätswelle reitet, hat seine Position eindrucksvoll behauptet, rund eineinhalb Jahre hinter der amerikanischen Frontier. Es hat frische Milliarden bei neuen europäischen Investoren eingesammelt und seine Talente vom Abwandern abgehalten.

Relativ gesehen hat sich der Abstand nicht verändert, und das ist schon fast ein Sieg. Absolut gesehen aber sieht die Sache ganz anders aus. 2023 entsprachen achtzehn Monate einer ganzen Generation. Heute, wo die Fähigkeiten sich immer schneller verbessern und die Entwicklungszyklen immer kürzer werden, sind es gleich mehrere. Und KI-Systeme sind längst keine bloßen Chatbots mehr. Sie treiben ganze Forschungskampagnen für neue medizinische Wirkstoffe voran, automatisieren Mathematik und Cybersicherheit und erledigen einen Großteil der Arbeit vieler Angestellter.

Ein alter Freund von Caroline, Softwareentwickler bei einer französischen Privatkundenbank, erzählt ihr bei einem Glas Wein, dass sein Arbeitgeber auf KI-Souveränität setze. Atlas dürfe er nur eingeschränkt nutzen, nichts Wichtiges hochladen, nicht einmal die Spalten eines Datensatzes benennen. Helios sei erlaubt, aber schlechter. Also lässt er Atlas in der Praxis einfach auf seinem privaten Laptop laufen und kopiert die Dateien hinüber.

Das Muster wiederholt sich in den meisten großen europäischen Unternehmen. Jeder weiß, dass es passiert, aber keiner spricht es aus.

Und doch haben sich einige Brüsseler Politiker die Hoffnung bewahrt.

Die Frontier AI Initiative läuft auf Hochtouren. Frankreich und Deutschland stützen die gemeinnützige Organisation mit allem politischen Gewicht. Sie zahlen konkurrenzfähige Gehälter und konnten so ernstzunehmende Talente gewinnen, manche davon mit Erfahrung aus amerikanischen KI-Firmen. Eine ihrer Wetten gilt Weltmodellen, mit denen sich Roboter trainieren lassen. Diese Arbeit liefert vielversprechende Ergebnisse und erntet internationale Aufmerksamkeit.

Der EU-Haushalt 2028 gibt deutlich mehr Mittel für angewandte KI in der Wissenschaft frei. Im Fokus stehen Medizin, Materialwissenschaft und erneuerbare Energien, also Felder, auf denen Europa durchaus noch vorn liegen könnte. Die ersten Pilotprojekte zur Einführung von KI in anderen Bereichen zeigen nach einem holprigen Start endlich Wirkung. Ärzte arbeiten produktiver, Lehrer berichten von besseren Leistungen ihrer Schüler.

Auch die Warnungen vor einer Katastrophe auf dem Arbeitsmarkt haben sich noch nicht bewahrheitet. Selbst in Branchen, die KI stark nutzen, gehen kaum Arbeitsplätze verloren, und Arbeitskräfte, die KI-Systeme dirigieren können, etwa Berater, Anwälte, Softwareentwickler, Analysten und Designer, sehen ihre Produktivität und ihre Löhne steigen. Urteilsvermögen, Kundenbeziehungen und Verantwortung zählen mehr, seit die KI die Drecksarbeit übernimmt.

Ein europäischer Premierminister räumt in einem Interview ein, Europa sei spät gestartet, beharrt aber darauf, dass es jetzt aufhole und europäische KI einen neuen Produktivitätsboom auslöse. Caroline erzählt Christian davon, als sie nach Hause kommt.

Caroline: Vielleicht ist mein eigener Chef doch nicht so übel.
Christian: viel spass mit dem produktivitätsboom
Christian: das ist ein verzögerter indikator

Mai 2028 – Compute-Engpass

Die Welt schreit nun nach mehr Rechenleistung.

Bisher ließ sich jeder Engpass in der KI-Chip-Lieferkette umgehen. Als die Fabs knapp wurden, bauten TSMC und Samsung mehr. Als die US-Stromnetze keine weiteren Rechenzentren mehr verkrafteten, kauften die KI-Firmen mobile Gasmotoren und machten ihren Strom vor Ort selbst. Und als das High-Bandwidth-Memory knapp wurde, holte man sich die Kapazität einfach aus der Verbraucherelektronik. Prompt schossen die Smartphone-Preise in die Höhe, aber das war dann eben jemand anderes Problem. Doch dieser Engpass ist anders.

ASML, der niederländische Halbleiterriese, ist weltweit der einzige Hersteller der EUV-Maschinen, auf denen TSMC seine KI-Chips fertigt. Die Produktion ist von sechzig auf fünfundachtzig Maschinen im Jahr gestiegen. Eine echte Verbesserung, doch gegen die explodierende KI-Nachfrage völlig unzureichend. Mehr als 5.000 Zulieferer arbeiten ASML zu, und verfehlt auch nur einer von ihnen seine Ziele, gerät die ganze Kette ins Stocken. Die Technik ist so komplex, dass man einen Doktortitel und jahrelange Spezialerfahrung braucht, um auch nur eines der 100.000 Bauteile zu verbessern. Und solche Leute kann man nicht aus dem Nichts herbeizaubern.

Washington ist es ein Dorn im Auge, dass ASML noch immer einige seiner älteren Immersions-Lithografiemaschinen, von der Branche „DUVi” genannt, an ausgewählte chinesische Unternehmen exportiert, die damit Chinas etwas weniger fortgeschrittene KI-Chips herstellen.

Nachdem man sich beim Thema Open Source kurz einig gewesen war, haben sich die Beziehungen zwischen den USA und China im letzten Jahr wieder verschlechtert. Washington fürchtet, dass China es überholen wird, sobald es seine heimische Halbleiterindustrie fertiggestellt hat, denn China baut in atemberaubendem Tempo riesige Energiekapazitäten auf, während die amerikanische Stromerzeugung im Vergleich stagniert. Wird KI zu einem Wettlauf um die meisten Rechenzentren, gewinnt China auf lange Sicht. Peking wiederum sorgt sich, dass Washington einen uneinholbaren militärischen KI-Vorsprung erlangt, bevor Chinas Halbleiter-Ökosystem ausgereift ist, und ihn dann nutzt, um geopolitische Zugeständnisse zu erzwingen. Dass einige amerikanische KI-CEOs offen davon reden, mit militärischer KI autokratische Regime zu „demokratisieren”, trägt zur Beruhigung in Peking nicht gerade bei.

Washington ist klar geworden, dass nur wenig Zeit zum Handeln bleibt. Sein KI-Vorsprung beruht größtenteils auf umfassenden Exportkontrollen, die vor Jahren für niederländische EUV-Maschinen und amerikanische KI-Chips erlassen wurden. Jetzt erhöht es den Druck und drängt Den Haag, ASMLs verbleibende Exporte und die Wartung der DUVi-Maschinen zu stoppen. Das ist eine massive Eskalation, denn China stellt mit denselben Maschinen Chips für Alltagsgeräte wie Smartphones und Laptops her.

Die Niederländer sträuben sich und suchen Rückhalt bei anderen EU-Staaten. Sie verstehen Washingtons Argument, wollen sich aber nicht herumkommandieren lassen, und sich schon gar nicht von einer Regierung in einen Konflikt ziehen lassen, die zwei Jahre lang nichts anderes getan hat, als Europa zu schikanieren.

Die Kommission unterstützt die Niederländer. Doch mehrere Mitgliedstaaten fürchten amerikanische Vergeltung, sollte Europa die Maschinen weiter exportieren, und so zerfällt Europas gemeinsame Position, ehe sie überhaupt zustande kommt.

Die Niederländer fühlen sich verraten. Sie suchen den Schulterschluss mit Japan und Südkorea, die in der Hardware-Lieferkette ähnlich wichtig sind und ebenfalls unter amerikanischem Druck stehen. Doch beide Hauptstädte hängen zu sehr an der amerikanischen Militärhilfe und haben, rein zufällig, in den zwei Wochen zuvor Besuch von hochrangigen US-Beamten bekommen. Sie sind höflich nicht verfügbar.

Als die Niederländer standhaft bleiben, droht Washington. Es kann die Foreign Direct Product Rule geltend machen, eine Regel, mit der es sich für jedes Produkt auf der Welt für zuständig erklären kann, das mit amerikanischer Technologie oder Software hergestellt wurde, von wem und wo auch immer. Es ist dasselbe Instrument, mit dem Washington 2020 Huawei stranguliert hat. Auf ASMLs Maschinen trifft das gleich mehrfach zu. Verkauft das Unternehmen auch nur eine weitere DUVi an China, verstößt es gegen amerikanisches Recht und müsste mit lähmenden Strafen rechnen, vom Entzug der Exportlizenzen über zivilrechtliche Bußen bis hin zur persönlichen Haftung einzelner Führungskräfte, zumindest in der Theorie. Das würde auch den USA schaden, die selbst auf ASMLs Maschinen angewiesen sind. Aber ASML kann es sich nicht leisten zu testen, ob Washington blufft. Die Niederländer geben nach.

In Brüssel liest Caroline die Nachricht zwischen zwei Meetings auf ihrem Handy. Sie denkt an ihr Memo von 2026, in dem sie schrieb, Europa müsse sich Druckmittel verschaffen. Und sie denkt an das freundliche Gesicht ihres Direktors, als er sagte, es sei ein durchdachter Beitrag.

Christian: das ist der warnschuss
Christian: sag mir, dass sie es als solchen behandeln
Caroline: Meine direkten Kollegen schon
Caroline: Andere nennen es einen Rückschlag.
Christian: ok
Christian: notiert
Caroline: Ich meine, ich verstehe, warum die USA es getan haben
Caroline: Aber wir haben nicht mal eine einzige Sache als Gegenleistung ausgehandelt.
Christian: das ist echt fucked up

August 2028 – Die Stunde schlägt

KI-Modelle denken nicht mehr in Englisch.

Bisher schrieben sie ihre Gedanken auf einen digitalen Notizblock, ein für Menschen lesbares System, das seit Anfang 2025 in Gebrauch war. Jetzt durchlaufen die neuen Systeme stattdessen lange Zahlenkolonnen, sogenannte hochdimensionale Vektoren, die niemand richtig deuten kann, nicht einmal andere KI-Modelle. Weil sie ihre komplexen Gedanken nicht länger ins Englische übersetzen müssen, denken sie schneller und tiefer. Das lässt Intelligenz und Fähigkeiten sprunghaft ansteigen.

Sicherheitsforscher, die die Entwicklung verfolgen, sind alarmiert, denn viele ihrer Methoden, die Modelle zu kontrollieren, beruhten direkt darauf, diese Notizblöcke lesen zu können. Woher sollen wir wissen, dass die Modelle nicht insgeheim eigene Ziele verfolgen? Wie sollen wir beunruhigendes Verhalten erkennen, wenn wir ihre Gedanken nicht mehr lesen können? In Brüssel fordern Experten, das EU AI Office solle die Entwickler zwingen, zu notizblockbasierten Systemen zurückzukehren oder anders nachzuweisen, dass sie verstehen, was in ihren Modellen vorgeht. Doch das AI Office steckt schon in hitzigen Verfahren gegen zwei amerikanische Entwickler, und die transatlantischen Beziehungen vertragen keine weitere Belastung.

Die meisten Menschen aber spüren vor allem die unmittelbaren Auswirkungen auf die Fähigkeiten der Modelle. Modelle, die mehrtägige Forschungsprojekte bisher nicht zuverlässig zu Ende brachten, schaffen das jetzt. In den USA machen Arbeitgeber, die sich mit Stellenstreichungen zurückgehalten hatten, nun Ernst. Berufseinsteiger finden weiter kaum eine Stelle, und die Arbeitslosigkeit steigt immer schneller.

Europa erlebt weniger Druck am Arbeitsmarkt, aber auch weniger Wachstum. Seine Wirtschaft wächst um 1,6%, die der USA um 3,8%. Die Lücke ist unübersehbar, und die meisten führen sie auf Unterschiede in der KI-Wertschöpfung zurück. Europa hat Zugang zu weitgehend denselben Modellen, holt daraus aber nicht denselben wirtschaftlichen Nutzen. Dafür gibt es drei Gründe.

Der erste ist die Eigentumsstruktur des KI-Kapitals. Die KI-Unternehmen und Infrastrukturanbieter mit den explodierenden Umsätzen sitzen alle in den USA. Europäische KI-Start-ups gibt es zwar, doch die großen Finanzierungsrunden kommen aus amerikanischem Risikokapital, und die am schnellsten wachsenden wandern zunehmend ins Ausland ab.

Der zweite sind Unterschiede im Ausmaß der KI-Anwendung. Trotz der europäischen Pilotprojekte zur KI-Adoption haben amerikanische Firmen Frontier-KI viel entschlossener in ihre Arbeitsabläufe eingebaut. Manche europäischen Unternehmen bremsten fragmentierte Regeln aus, andere eine risikoscheue Managementkultur oder interne Vorgaben, die zur Nutzung minderwertiger Eigenlösungen zwingen. Eine Mailänder Anwaltskanzlei, die einst Spitzenhonorare für ihr Expertise im italienischen Handelsrecht verlangte, konkurriert nun mit einer US-Kanzlei, deren KI italienisches, französisches und deutsches Recht gleichzeitig bearbeitet, schneller und billiger. Die Anwälte der italienischen Kanzlei dagegen haben nach wie vor keinen Zugang zu Frontier-Modellen. Dasselbe Muster wiederholt sich in Beratung, Software, Marketing und Finanzwesen.

Der dritte ist, was mit den Firmen geschieht, die KI tatsächlich erfolgreich einführen. Viele mittelgroße amerikanische Unternehmen bauen sich binnen Monaten rund um KI um, mit flacheren Hierarchien, kleineren Teams, schnelleren Zyklen, während europäische dafür viel länger brauchen. So bremsen manche Betriebsräte den weitläufigen Einsatz leistungsstarker KI-Werkzeuge und der Kündigungsschutz macht es schwer, Leute zu entlassen, deren Arbeit sich automatisieren lässt und die anderswo am Arbeitsmarkt fehlen. Während einige Beschäftigte mithilfe von KI produktiver werden, geht eine kleine, aber wachsende Zahl europäischer Angestellter einer Art Pseudoarbeit nach. Sie loggen sich ein, sitzen Meetings ab, aber lassen den Großteil der Arbeit von Agenten erledigen, in einem Bruchteil der Zeit. Das hat durchaus seine guten Seiten, es gibt mehr Zeit für die Familie, lange Mittagessen, sowie Nachmittagsspaziergänge. Die Kehrseite ist, dass die Firmen doppelt zahlen, für die KI und für unproduktive Mitarbeiter. Somit bleibt wertvolles Kapital im Erhalt der bestehenden Belegschaft gebunden.

All das trifft Europa zu einer Zeit, in der seine Wirtschaft ohnehin schon kämpft. Zentrale Industriezweige wandern zunehmend ab, und die einst gefeierten Automobilhersteller trifft es mit am härtesten. Nachdem sie den Boom der E-Autos verpasst haben, stehen sie unter massivem Druck durch billigere und bessere chinesische Wagen. Millionen Arbeiter blicken in eine ungewisse Zukunft.

Und nun bröckelt auch die europäische Steuerbasis. Geld, das früher in Löhne und Gehälter floss, fließt zunehmend an amerikanische Unternehmen und ihre Investoren, vieles davon über Niedrigsteuerländer geschleust, an die die europäischen Finanzministerien nicht herankommen. Gleichzeitig steigen überall auf dem Kontinent die Arbeitslosenanträge, nicht dramatisch, aber die US-Zahlen zeigen, wohin die Reise geht. Und der KI-Boom treibt die globalen Zinsen nach oben, sodass Länder wie Frankreich einen immer größeren Teil ihres Haushalts für den Schuldendienst aufbringen müssen.

Caroline: Ich glaube jetzt versteh ich dich endlich.
Caroline: Das einzige echte Mittel gegen Europas Abwärtsspirale ist Wachstum.
Caroline: Aber das findet in den USA statt.
Christian: richtig
Caroline: Ich bin gerade einer alten Studienkollegin begegnet
Caroline: Sie arbeitet 3 Stunden am Tag
Caroline: Lässt ihre Agenten den Rest machen
Caroline: Anscheinend hat sie mit dem Gärtnern angefangen.
Christian: gut für sie

November 2028 – Vox populi

Es ist Wahltag in den USA. Die Welt hält, wie immer, den Atem an.

KI war das beherrschende Thema des Wahlkampfs, aber nicht so, wie es sich die Branche erhofft hatte. Mittlerweile wollen die meisten Amerikaner wenig mit KI zu tun haben. Klimaschützer sorgen sich um den Energieverbrauch der Rechenzentren, Gewerkschaften um die Arbeitsplätze, Lehrer wollen die KI aus den Klassenzimmern, Anwälte aus den Gerichtssälen.

In den Vorwahlen traten Populisten von links und rechts mit ausgesprochen KI-feindlichen Wahlprogrammen an und forderten Moratorien für Rechenzentren, mehr Arbeitnehmerschutz, ein Verbot von KI in Schulen und Altersgrenzen. Die eigentliche Wahl brachte dann gemäßigtere Kandidaten hervor, auch weil die enge Verbindung zur Industrie die Wahlkämpfe mitfinanzierte. Doch die Stimmung verflog nicht. Die Menschen sind wütend.

KI-feindliche Haltungen ziehen sich durch das gesamte politische Spektrum, aber sie bringen die Menschen nicht zusammen. Neue Bruchlinien sind entstanden, nicht nur zwischen Demokraten und Republikanern, sondern zwischen den Eliten, die KI nutzen, und einer Mittelschicht, die sie beängstigend, entmenschlichend oder unmoralisch findet und in Echtzeit zusieht, wie die Ungleichheit wächst. Immer mehr Menschen gehen auf die Straße, auf mehrere Tech-CEOs wurden Anschläge verübt, und vor Kurzem wurde ein Rechenzentrum in Brand gesetzt. Doch die US-Regierung kann nicht gegen KI durchgreifen, denn der neue Präsident ist, genau wie der letzte, überzeugt, dass die USA das KI-Rennen gegen China gewinnen müssen, sonst drohten untragbare Risiken für die nationale Sicherheit. Statt dem nachzukommen, was die Öffentlichkeit will, verteilt er also nur ein paar Pflaster, um sie zu beruhigen.

Die KI-feindliche Stimmung greift auch auf Europa über. Die Menschen sind wütend auf die US-Tech-Konzerne und verlangen, dass die Regierungen handeln. Sie fordern stärkere soziale Sicherungsnetze, ohne zu sehen, dass Europa sich kaum die Netze leisten kann, die es schon hat.

Unterdessen fallen Europas KI-Unternehmen weiter zurück.

Die Lücke zwischen Helios und Atlas ist trotz aller öffentlichen Investitionen, Compute-Subventionen und bevorzugten Beschaffungsverträge weiter gewachsen. Amerikanische Firmen, angetrieben von Schwärmen interner KI-Agenten, die den Großteil ihres Codes selbst schreiben, kommen algorithmisch mehr als doppelt so schnell voran wie mit rein menschlichen Teams. Nur die Rechenleistung bremst sie noch, und Atlas verfügt über mehr davon als je ein Akteur in der Geschichte. Bei Helios dagegen, mit einem Bruchteil der Rechenleistung und ohne Zugang zu den besten US-Modellen für die eigene Arbeit, ist von diesem Effekt kaum etwas zu spüren. Und Monat für Monat wächst die Lücke.

Die öffentlichen Anstrengungen bringen öffentliche Güter hervor, stärken aber die europäische Souveränität kaum. Die Frontier AI Initiative hat bei der Interpretierbarkeit eindrucksvolle Fortschritte gemacht, was der Verlässlichkeit von KI weltweit zugutekommt. Doch ihr Weltmodell-Programm wurde weggeschnappt. Sobald die Ergebnisse besser wurden, wurde Atlas darauf aufmerksam, zog rasch ein eigenes Team hoch und warb vier der besten Forscher der Initiative ab, im Tausch gegen astronomische Compute-Budgets. Sie hätten gern bleiben wollen, sagen sie den Kollegen beim Abschied, sie hätten an das europäische Projekt geglaubt und helfen wollen. Aber irgendwann reicht der Glaube allein nicht mehr.

Die Öffentlichkeit sieht, dass die große KI-Strategie der EU scheitert. Die Investitionen haben es Champions wie Helios nicht ermöglicht aufzuholen, und die Maßnahmen nach dem DSA haben nicht für Fairplay gesorgt. Das sichtbarste Ergebnis letzterem war es, die Amerikaner zu verärgern und die transatlantische Beziehung weiter zu verschlechtern.

Doch Europa hat enormes politisches Kapital in das Projekt gesteckt, und jede Menge echtes Geld dazu. Ein Scheitern zuzugeben hieße zuzugeben, dass es zwei Jahre und zig Milliarden Euro in eine Sackgasse gesteckt hat. Also erhöht es den Einsatz.

Die Europäische Kommission kündigt einen neuen 20-Milliarden-Euro-Fonds an, den European AI Sovereignty Fund, der auf Photonik, Edge-KI und andere „Next-Wave”-Paradigmen setzt. Das ist offensichtlich ein Schuss ins Blaue. Dieselben Institutionen, die es schon zuvor nicht geschafft hatten, Geld in Spitzentechnologie zu verwandeln, sollen es nun erneut versuchen – mit einem schwierigeren Ziel und weniger Zeit. Es sei, so sagt ein polnischer Europaabgeordneter bei einem Brüsseler Empfang zu Caroline, der erste bekannte Fall, in dem jemand seinen Einsatz erhöht, ohne eine einzige Karte auf der Hand zu haben.

Risse zeigen sich. In Deutschland führt eine populistische Partei die Umfragen für die kommende Bundestagswahl an, mit einem ausdrücklich KI-feindlichen Programm unter dem Motto „Stoppt die Maschinen, rettet deutsche Arbeitsplätze”. Und in Italien, wo euroskeptische Regierungen seit einem halben Jahrzehnt die Norm sind, werben populistische Parteien offen für ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft.

In Paris reißt der Geduldsfaden. Der Élysée glaubt nicht mehr, dass der EU-Plan rechtzeitig liefert, und Helios, der einzige verbliebene ernstzunehmende europäische LLM-Akteur, ist vielleicht nur noch Monate davon entfernt, endgültig ausgestochen zu werden. Nach intensiven Verhandlungen kündigt Frankreich eine staatliche Investition von 15 Milliarden Euro in Helios an, für einen Anteil von 17 Prozent, einen Sitz im Aufsichtsrat und ein Vetorecht bei künftigen Finanzierungsrunden.

Christian: frankreich hat gerade eine leiche gekauft
Caroline: Das ist nicht fair
Caroline: Diese Leute versuchen wenigstens, etwas zu tun.
Christian: ändert nichts an den fakten.

Januar 2029 – Träume von einer Roboterarmee

Chinas KI-Strategie ähnelt der europäischen, mit einem entscheidenden Unterschied. Sie scheint zu funktionieren. Wie Brüssel stützt Peking seine vielversprechendsten Unternehmen, schützt die Branche mit Subventionen und Beschaffungsvorgaben und drängt auf rasche Verbreitung. Doch ein zentralisierter, autoritärer Staat setzt seinen Willen leichter durch als siebenundzwanzig zerstrittene Mitgliedstaaten in einer liberalen Demokratie. Als sich Chinas Rechenleistung auf zu viele Labore verteilte, befahl die Kommunistische Partei diesen Laboren einfach, ihre Ressourcen zu bündeln. Die Europäische Kommission hat keine solchen Befugnisse. Chinas Talentpool ist größer, und das Land hat Zugang zu billiger, reichlich vorhandener Energie. So liegen die chinesischen Frontier-Firmen nur etwa ein Jahr hinter den USA.

Entscheidend ist, dass China gar nicht glaubt, seine Strategie hänge davon ab, ganz an der Spitze der kognitiven KI zu stehen. Die Regierung wollte schon immer, dass KI zuerst die physische Wirtschaft ankurbelt, und sie hat einen riesigen Vorsprung bei der Roboterherstellung. Massive staatliche Subventionen haben die Produktion humanoider Roboter auf über eine Million Einheiten pro Jahr getrieben, und ein Haushaltsroboter ist inzwischen für 10.000 Euro zu haben. In Städten wie Shenzhen gehört es längst zum Alltag, dass Humanoide Straßen kehren und vierbeinige Roboter Pakete ausliefern. Peking setzt darauf, Silicon Valley in der KI nur dicht auf den Fersen bleiben zu müssen, damit sich sein industrieller Vorsprung auszahlt, sobald mehr Fähigkeiten für die Robotik entstehen.

Die Wette scheint aufzugehen, und in den USA wächst die Sorge. Amerikanische Politiker nennen das KI-Rennen mit China inzwischen den zweiten Kalten Krieg. Die Spannungen sind weiter gestiegen, seit die USA ASML zwangen, die Exporte nach China zu stoppen. Beide Seiten haben seitdem die Sicherheitsvorkehrungen rund um ihre KI-Entwicklung verschärft. In den USA werden Forscher nachrichtendienstlich überprüft und brauchen eine Sicherheitsfreigabe, um an Frontier-Modellgewichte zu kommen. Die Regierung wirft China regelmäßig vor, algorithmische Geheimnisse zu stehlen. China wiederum hat Zimo teilverstaatlicht und treibt seine KI-Bemühungen mit ganzer Kraft voran. Als nahe einem großen Zimo-Rechenzentrum ein Teil des chinesischen Stromnetzes ausfällt, kursieren Gerüchte, dahinter stecke ein von den USA unterstützter, KI-gesteuerter Cyberangriff.

Christian: bin in shenzhen.
Christian: ein roboter mit matrosenmütze hat mir gerade einen negroni gemacht
Christian: sie produzieren hier roboter wie büroklammern
Caroline: War der Negroni gut?
Christian: ja. ausgezeichnet

April 2029 – Access all areas

Die Nachfrage nach KI steigt steil, und das Compute-Angebot kommt nicht hinterher. Die KI-Firmen rationieren den Zugang zu ihren Frontier-Modellen und ziehen die Preise an. Unternehmen schreien nach Tokens.

Amerikanische Firmen betreiben 70 Prozent der weltweiten KI-Rechenleistung und verkaufen ihre Dienste in aller Welt. Das heißt, amerikanische Infrastruktur macht ausländische Unternehmen produktiver und ausländische Militärs schlagkräftiger. Teilweise geschieht das über illegale Distillationsangriffe und nicht über legale Verkäufe. Washington macht sich darüber von Tag zu Tag mehr Sorgen.

Die amerikanische national security review ist inzwischen formell geregelt und gibt nicht länger vor, freiwillig zu sein. Der Zugang zu den leistungsfähigsten Modellen ist von vornherein gedrosselt, auch um Rechenleistung für amerikanische Kunden freizuhalten. Die eigenen Behörden kommen zuerst dran, verbündete Regierungen als Nächstes, gegnerische Staaten gar nicht.

Doch der Zugang zu den Modellen und ihren Gewichten ist das eine. Weil Compute knapp ist, ist auch die Inferenz Mangelware, und im April reicht es Washington. Es beschränkt nicht mehr nur den Zugang, sondern rationiert auch die Nutzung, selbst bei befreundeten Staaten.

Die Frontier Inference Services Rule (FISR) ist ein länderbasiertes Lizenzregime. Tier-1-Länder - enge Verbündete wie die anglophonen „Five Eyes”-Geheimdienstnationen sowie Japan, Südkorea, Taiwan und die Niederlande - erhalten uneingeschränkten kommerziellen Zugang und müssen nur wenig berichten. Tier-3-Ländern, also feindlichen Staaten wie Iran, Russland und China, wird von vornherein jeder Zugang verwehrt. Der Großteil Europas gehört zu den rund 100 Tier-2-Ländern. FISR schreibt vor, dass insgesamt nicht mehr als 25 Prozent der Frontier-Inferenz eines Anbieters an Tier-2-Kunden gehen dürfe. Jede einzelne Lizenz wird dabei anhand einer Reihe von Kriterien geprüft, darunter die „Übereinstimmung mit den nationalen Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten”.

Für Brüssel ist das eine schlechte Nachricht. Europäische Kunden machen derzeit allein fast ein Viertel der US-Frontier-Inferenz aus. Diese Menge fair auf rund achtzig weitere Länder zu verteilen, würde die europäischen Zuteilung etwa halbieren. Binnen einer Woche bekommen europäische Geschäftskunden ohne langfristige Verträge Schreiben ihrer Anbieter, die Mengen kürzen und Preise anheben. Den Anbieter wechseln können sie nicht, denn für jeden US-Anbieter gelten dieselben Beschränkungen.

Europa ist von amerikanischer KI abhängig, doch umgekehrt sind die USA nicht von Europa abhängig. Compute ist inzwischen so knapp, dass der Verlust europäischer Kunden kaum auf die Bilanz der KI-Firmen durchschlägt. Ihre Kapazitäten waren ohnehin ausgereizt, also können sie die Inferenz, die sie nicht mehr nach Europa verkaufen, einfach an die aufgestaute amerikanische Nachfrage umleiten oder gleich für die eigene Forschung nutzen. Atlas und seine Konkurrenten drängen das Weiße Haus hinter den Kulissen, seine Politik etwas aufzuweichen. Die Beschränkungen drohten künftige Märkte zu entfremden und seien obendrein furchtbare PR. Öffentlich aber äußern sie ihre Bedenken nicht, denn je strenger die Sicherheitsauflagen rund um KI werden, desto wichtiger werden gute Beziehungen zur US-Regierung. Außerdem konzentrieren sie sich darauf, das Rennen um die Fähigkeiten zu gewinnen und die Kontrolle über KI-Systeme zu behalten, die rasch klüger werden als die Menschen, die sie betreiben. So bleibt der Druck auf Washington gering.

In Brüssel wird eine Notsitzung des Europäischen Rates einberufen. Französische und deutsche Minister reisen nach Washington, um eine Tier-1-Einstufung zu fordern. Man teilt ihnen mit, Tier 2 spiegle „den derzeitigen Stand der bilateralen Beziehungen” besser wider.

Caroline liest die Zusammenfassung in der Metro auf dem Heimweg. Sie hatte immer gewusst, dass dieser Moment kommen würde, und doch trifft er sie wie ein Gewicht, das plötzlich fällt.

Caroline: Sie verstehen es jetzt. Es ist nur zu spät.
Christian: ja
Christian: hatte ich schon befürchtet
Christian: wie lange, bis komplett den zugang kappen?
Caroline: Daran hatte ich auch gedacht.

Mai 2029 – Kippunkt

Eine Woche nach Inkrafttreten der Inferenz-Obergrenze stehen in den europäischen Hauptstädten die Telefone nicht still, während panische Unternehmen versuchen, das Unvermeidliche hinauszuzögern. Der Chef eines französischen Versorgers ruft im Élysée an und warnt, seine Cybersicherheitsteams verlören bereits Boden gegen KI-gestützte Angriffe, und eine Halbierung des Zugangs zu amerikanischen Frontier-Modellen würde kritische Infrastruktur gefährlich ungeschützt lassen.

Der Chef eines dänischen Logistikriesen sagt dem dänischen Ministerpräsidenten, jahrelange Optimierung habe das Unternehmen von US-Systemen abhängig gemacht, die sich nun nicht leicht ersetzen ließen, und das gesamte Geschäftsmodell stehe auf dem Spiel. Eine deutsche Delegation kleinerer Unternehmen warnt das Kanzleramt, allein die Preissteigerungen würden Tausende kleiner Firmen davon abhalten, Frontier-KI überhaupt zu nutzen.

Europäische Unternehmen, die klug genug waren, ihre Souveränitätsauflagen für KI aufzuschieben oder zurückzunehmen, haben jahrelang ihre Abläufe rund um Frontier-Agenten aufgebaut. Und jetzt droht man, ihnen genau diese Agenten unter den Füßen wegzuziehen. Die europäischen Alternativen liegen fast zwei Jahre zurück, und die chinesischen kommen für niemanden mit einer Compliance-Abteilung ernsthaft infrage.

In Brüssel behauptet nun niemand mehr, KI sei überhypt. Das Wort „Blase” hat Caroline seit Monaten nicht mehr gehört. Ihr Direktor, der einst sagte, sie übertreibe, verbringt seine Tage nun am Telefon mit den nationalen Hauptstädten und sortiert, was sich noch retten lässt. Er kommt an einem Dienstagnachmittag mit zwei Kaffees an ihrem Schreibtisch vorbei, reicht ihr einen, und sie trinken, ohne viel zu reden. Das ist, wird ihr klar, so nah an einer Entschuldigung, wie es bei ihm eben geht.

Inzwischen versteht jeder das Problem. Doch es zu verstehen ist eine Sache, es beheben zu können eine ganz andere. Die Nachfrage nach den Helios-Modellen ist weit über die Kapazität des Unternehmens hinausgeschossen. Die Gigafabriken sind endlich im Bau, gehen aber erst nächstes Jahr ans Netz und werden selbst dann nur einen kleinen Bruchteil dessen liefern, was nötig wäre, um die Lücke zu schließen.

Christian: weisst du, was das lustige ist
Christian: frankreich wird mit der helios-investition ein vermögen machen
Christian: die nachfrage geht durch die decke
Caroline: 3D Schach auf höchstem Niveau

Die europäische Wirtschaft wird stranguliert. Nach einer Reihe angespannter Telefonate mit Washington beschließen die europäischen Staats- und Regierungschefs, dass etwas Drastisches geschehen muss. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte eröffnet die Kommission ein förmliches Prüfverfahren nach dem Anti-Coercion Instrument, der Handelsbazooka, wie die Brüsseler Presse es seit Jahren nennt, aus einer Zeit, als es noch ein reines Abschreckungsmittel war, von dem niemand ernsthaft erwartete, dass es jemals losgehen würde.

Nach vier Monaten Prüfung lautet das Ergebnis, dass FISR wirtschaftlicher Zwang ist. Doch die Prüfung fördert auch eine unbequeme Erkenntnis zutage. Die naheliegende Vergeltung wäre selbstzerstörerisch. Zölle auf US-Cloud- und Digitaldienste würden die Frontier-Inferenz noch teurer machen, um die europäische Unternehmen ohnehin schon ringen. Und amerikanische Anbieter von der öffentlichen Beschaffung auszuschließen, eine Drohung, die vor einem Jahrzehnt noch gesessen hätte, läuft ins Leere, denn die Digital Sovereignty Regulation wird genau das ohnehin schon tun.

Also greift man zu den weniger naheliegenden Werkzeugen des Instruments. Man setzt den Schutz des geistigen Eigentums aus, den US-Labore im EU-Binnenmarkt genießen, und überprüft amerikanische Übernahmen europäischer Firmen oder blockiert sie ganz. Diese Maßnahmen sind so austariert, dass sie Washingtons Exporteure treffen, ohne Europas eigene Compute-Budgets anzutasten.

Die Maßnahme, die am meisten wehtun würde, zielt auf die Lithografie-Lieferkette. Sie würde ASMLs Exporte und Wartung für amerikanische Fabs in Arizona beschränken. Sie ist allerdings auch die nukleare Option und würde eine Gegenreaktion provozieren, die sich Europa womöglich nicht leisten kann.

Als es zur Abstimmung kommt, verfehlt sie die erforderliche qualifizierte Mehrheit. Die Niederlande und Irland stimmen mit Verweis auf die transatlantischen Beziehungen dagegen. Polen und die baltischen Staaten tun aus Sorge vor Russland dasselbe. Italien enthält sich. Vor laufender Kamera sagt ein hochrangiger Kommissionsbeamter den Reportern, das Ergebnis spiegle „unterschiedliche nationale Einschätzungen des strategischen Umfelds” wider. Hinter vorgehaltener Hand sagt ein französischer Beamter denselben Reportern, die Delegierten hätten zu viel Angst vor Washington, um die Waffe einzusetzen, die sie ein Jahrzehnt lang gebaut hätten.

Caroline verbringt den größten Teil des Sommers in Krisensitzungen. Dieselben Leute, die ihr vor ein paar Jahren sagten, alles werde gut, fragen sie jetzt, ob sich noch irgendetwas tun lasse. Sie sagt ihnen, das Fenster für sinnvolles Handeln habe sich irgendwann zwischen 2025 und 2027 geschlossen. Alles, was jetzt bleibt, ist Schadensbegrenzung.

Februar 2030 – Arbeitsmarkt-Schock

Europas Flitterwochen der Pseudoarbeit, in denen die Leute im Garten werkelten, während ihre Agenten die Arbeit erledigten und die Firmen sie nicht entlassen durften, gehen zu Ende.

Europäische Firmen, die weiterhin eine volle menschliche Belegschaft bezahlen, können mit ihren schlankeren amerikanischen Konkurrenten nicht mithalten, zumal sie an schlechtere Modelle und an knappere, teurere Inferenz gebunden sind. Der Schock trifft zuerst die Branchen, die der KI am stärksten ausgesetzt sind. Softwarefirmen ziehen den Kürzeren, weil US-Firmen schneller liefern, zu einem Bruchteil der Kosten. Und mittelständische Beratungen merken, dass Frontier-Modelle ihre Ratschläge mühelos vorwegnehmen und ihnen kaum noch etwas hinzuzufügen bleibt.

Hinzu kommt, dass die KI-Systeme einfach immer besser werden. Kontinuierliches Lernen galt oft als die letzte Hürde auf dem Weg zur echten Automatisierung kognitiver Arbeit, denn Menschen bauen im Lauf einer Karriere Kontext, Urteilsvermögen und implizites Wissen auf, während KI-Systeme jedes neue Gespräch mit denselben eingefrorenen Gewichten begannen. Lange Kontextfenster und externer Speicher schlossen die Lücke zum Teil, doch im laufenden Einsatz lernte das Modell nie wirklich etwas Neues dazu.

Das hat sich inzwischen geändert. Wenn das neueste Modell von Atlas sechs Wochen in einer Beratungsfirma verbringt, fängt es an, so zu schreiben, wie diese Firma schreibt. Es lernt, wer wem nachgibt, welche Klienten schlechte Nachrichten schlecht aufnehmen und welche Senior-Mitarbeiter einen Ruf haben, auf den man sich stützen kann. Das klappt nicht perfekt, aber Fehlschläge sind selten und der Preis dafür lohnt sich. Und kognitive Jobs, die einst als sicher galten, weil sie auf kontextsensitivem Urteilsvermögen oder institutionellem, nicht greifbarem Wissen beruhten, sind nun gefährdet.

Nur wenige Menschen werden direkt wegen KI entlassen. Das Problem ist, dass Firmen im Krisenmodus keine neuen Stellen schaffen. Der Arbeitsmarkt für Absolventen ist der schlechteste seit Menschengedenken. Anwaltskanzleien, Finanzfirmen und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften haben ihre Neueinstellungen ausgesetzt oder zurückgefahren, all jene also, die sich die Frontier-Tarife noch leisten können oder klug genug waren, früh einen langfristigen Vertrag zu unterschreiben.

Carolines jüngerer Bruder hat im vergangenen Sommer einen Master in Logistikmanagement abgeschlossen und sucht seitdem Arbeit. Einmal im Monat treffen sie sich in Paris zum Abendessen, sie zahlt, und er fragt sie, ob er sich umschulen lassen sollte. Sie weiß nicht, was sie ihm sagen soll. Der Pflegekräftemangel ist real, aber er kann kein Blut sehen, und fürs Handwerk ist er nicht gemacht. Er nickt und bestellt noch ein Bier, und sie lässt ihn das Thema wechseln.

Politiker, die ihre Karriere auf KI-feindlichen Programmen aufgebaut haben, sehen sich bestätigt, während die, die sich abgesichert hatten, hektisch zurückrudern. Straßenproteste werden in den europäischen Hauptstädten zur Routine. Die einen verlangen Arbeitnehmerschutz, andere ein Verbot amerikanischer KI, wieder andere ein Verbot jeglicher KI, und alle wollen, dass irgendwer in irgendeinem Gebäude irgendwo irgendetwas tut.

Europäische Nachrichtendienste melden seit über einem Jahr koordinierte Desinformationskampagnen, die sich gezielt an ein europäisches Publikum richten. Die Narrative sind auf lokale Ängste zugeschnitten. Amerikanische Technologie höhle den Kontinent aus, Washington behandle Europa wie einen Vasallen, die transatlantische Beziehung sei eine Einbahnstraße. Nichts davon ist völlig falsch. Den Haag und Berlin veröffentlichen Berichte, die als Urheber Peking benennen, doch die Öffentlichkeit teilt die dahinterstehende Stimmung ohnehin, ganz gleich, wer sie schürt, und kümmert sich wenig darum.

Christian: wie gehts europa
Caroline: Die Leute sind wütend, verständlicherweise
Christian: hier ist es auch nicht so toll
Christian: letzte woche wurde noch ein datacenter mit brandsätzen beworfen
Caroline: Ich habs gesehen.
Christian: alle haben das gefühl, zu verlieren
Christian: ausser den labs

Juni 2030 – Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann

China führt in der Robotik. Doch nun geht auch Atlas aufs Ganze.

Atlas kündigt an, hunderte Milliarden für Industriedaten und Fertigungskapazität auszugeben, um Roboter in ähnlichem Maßstab wie China zu bauen. Sein CEO erklärt die Logik dahinter. Amerika führt noch bei der KI-Software, und mithilfe seines neuen Weltmodell-Teams hat es die letzten Software-Probleme geknackt, die der Allzweckrobotik im Weg standen. Doch physische Lieferketten brauchen Jahre, bis sie stehen, und wenn Atlas vor den Konkurrenten dort ankommt, wird sich der Vorsprung selbst verstärken. Bald bauen Roboter die Fabriken, die die Roboter bauen, genauso wie die KIs den Code schreiben, der die KIs verbessert.

Und bis Atlas zu China aufgeschlossen hat, ist noch einiges zu tun. In den USA dauert der Bau einer neuen Roboterfabrik zwei Jahre, in China nur sieben Monate. Ein Jahrzehnt, in dem die Rechenzentren immer weiter hochskaliert wurden, hat die USA an die Grenzen ihrer Energieversorgung gebracht und das amerikanische Volk gegen alles verbittert, was mit KI zu tun hat. Neue Werke stoßen auf örtlichen Widerstand, und Politiker auf Bundesstaatsebene stellen sich auf die Seite ihrer Wähler. Die Wirtschaft wächst unbestreitbar rasch, doch Infrastruktur, Ungleichheit und öffentliche Meinung setzen ihr Grenzen.

Also entscheidet der CEO, dass der schnellste Weg nach vorn nicht im Bauen liegt, sondern im Kaufen, also darin, bestehende Fabriken umzurüsten. Mit Rückendeckung befreundeter Investmentfonds geht er auf Einkaufstour und sucht Industrieunternehmen mit brauchbaren Hallenflächen, die sich auf die Produktion von Rad-Robotern, Vierbeinern und Humanoiden umstellen lassen.

Europas Autohersteller stehen weit oben auf der Liste. Nach Jahren chinesischer Konkurrenz steht Deutschlands größter Hersteller kurz vor der Insolvenz. Seine Marktkapitalisierung ist um 80 Prozent gefallen, von ihrem Höchststand vor dem E-Auto-Boom auf 18 Milliarden Euro, was für Atlas, inzwischen 13 Billionen Dollar wert, Kleingeld ist. Aber der Hersteller ist trotzdem attraktiv, denn das deutsche Arbeitsrecht hat ihn gezwungen, seine inzwischen unnötig große Belegschaft zu behalten. Deren Löhne kann er nicht mehr zahlen, und die Aktionäre suchen seit zwei Jahren aktiv nach einem Ausstieg. Für ein Unternehmen, das eine Hightech-Fertigung sucht, um Dutzende Millionen Roboter pro Jahr zu bauen, ist das eine ideale Gelegenheit.

Berlin sieht das anders und blockiert den Verkauf aus Gründen der nationalen Sicherheit. Insider aber wissen, dass es eher um Nationalstolz geht.

Atlas weicht nicht zurück. Der CEO ruft den US-Präsidenten an, der bereits öffentlich erklärt hat, wer die Robotik gewinne, gewinne auch die Wirtschaft, und China bewege sich schneller, als Washington hinnehmen werde. Binnen zweiundsiebzig Stunden kündigt das Weiße Haus an, europäische Autoimporte mit himmelhohen Zöllen zu belegen. Offiziell hat das nichts mit dem Versuch zu tun, den Autobauer zu übernehmen.

Drei Wochen später wird ein Verkauf verkündet, getarnt als Partnerschaft. Der deutsche Staat übernimmt 20 Prozent an der neuen Gesellschaft, und der bisherige Vorstand behält die nominelle Kontrolle. Die Pressemitteilung verwendet das Wort „europäisch” elfmal.

Hinter den Kulissen aber hat Atlas das Sagen. Der Konzern hält die operative Mehrheit, die Lizenzrechte an der Fertigungsplattform und das Vorkaufsrecht bei jeder künftigen Kapitalerhöhung, und die Gewinne laufen über eine Holding in Delaware. Berlin wahrt das Gesicht, aber das ist auch schon alles.

Das Muster wiederholt sich in den folgenden Monaten mehrfach. Vorstände sind treuhänderisch verpflichtet, im Interesse der Aktionäre zu handeln, und wenn das Angebot deutlich über dem Marktwert liegt und die Alternative die Insolvenz ist, ist die Sache für die Aktionäre klar. Einer nach dem anderen werden Hightech-Hersteller von amerikanischen Konsortien aufgekauft und umstrukturiert, ob in der Robotik, der Luft- und Raumfahrt oder im Spezialwerkzeugbau. Die offizielle Linie lautet, dass dies Arbeitsplätze sichere und wichtige Vermögenswerte auf europäischem Boden halte. Doch in Wahrheit hat Europa kein glaubwürdiges Gegenangebot.

Christian: elf
Caroline: Ich habe auch mitgezählt.
Christian: natürlich hast du

August 2030 – Modellkollaps

Die Vereinigten Staaten versuchen nicht, Europa zu zerstören. Sie versuchen, China in einem Rennen zu schlagen, das sie für existenziell halten. Doch von dort, wo Caroline sitzt, ist der Unterschied kaum zu erkennen.

Europa hat so etwas schon einmal erlebt, nach dem Finanzcrash von 2008. Die Sozialausgaben steigen, gerade während die Steuereinnahmen sinken. Regierungen verschulden sich auf ein Wachstum hin, das nicht kommt. Kreditgeber verschärfen die Bedingungen, und mit jedem Schritt werden die Optionen der Politiker weniger und schlechter.

In Paris legt der Finanzminister der Assemblée nationale einen Haushalt vor, an den niemand im Saal glaubt, er selbst eingeschlossen. Drei Zahlen lassen sich einfach nicht in Einklang bringen. Die Sozialausgaben nähern sich dem COVID-Niveau, die Körperschaftsteuer-Einnahmen sind um neun Prozent gesunken, und ein Zehntel des Haushalts geht für den Schuldendienst drauf, der immer weiter steigt. Die einzige Möglichkeit, wenigstens so zu tun, als ginge die Rechnung auf, besteht darin, völlig unrealistische Wachstumsannahmen zugrunde zu legen, die jeder sofort durchschaut.

Caroline sieht es beim Mittagessen auf ihrem Handy und denkt an ihren Bruder. Er hat keine Arbeit gefunden, hat Studienschulden und keine Ersparnisse und ist wieder bei den Eltern eingezogen. Mehrere seiner Freunde haben dasselbe getan, und einige reden inzwischen davon, nach Großbritannien zu ziehen, das den KI-Übergang, zur Überraschung vieler, weit besser bewältigt hat als die meisten EU-Länder.

Moody’s setzt Frankreich noch im selben Monat auf negative Beobachtung, und S&P folgt. Die Herabstufung selbst kommt im Juni, doch der Markt hatte sie längst eingepreist. Die Renditen französischer Staatsanleihen entfernen sich scharf von den deutschen, auf den größten Abstand seit Einführung der gemeinsamen Währung. Und die Märkte sind sich nicht mehr sicher, ob ein französischer Euro und ein deutscher Euro noch dasselbe sind und ob die Eurozone überhaupt zusammenhält.

Im August übersteigt der französische Schuldendienst 12 Prozent des Haushalts. Im Oktober prüfen die Ratingagenturen rollierend statt vierteljährlich, und Italien, Spanien und Griechenland werden in dichter Folge herabgestuft. In allen vier Ländern ist Geld, das früher in die Staatskasse floss, in amerikanische Bilanzen abgewandert, und die verbleibende Steuerbasis wird von den steigenden Sozial- und Kreditkosten erdrückt. Bei jeder neuen Veröffentlichung werden die Wachstumsannahmen nach unten korrigiert.

Etwa um dieselbe Zeit tauchen die ersten Kredite auf. Ein staatlich gestützter chinesischer Fonds gewährt einer portugiesischen Infrastrukturbank eine Kreditlinie. Ein zweiter refinanziert eine Tranche griechischer Staatsschulden zu Bedingungen, die keine europäische Institution bieten kann. Ein dritter bürgt für eine spanische Regionalregierung. Ein durchgesickertes Kommissionsmemo nennt das Muster „strategisch motivierten Kapitaleinsatz”, doch keiner ist sich ganz sicher, worin die Strategie besteht. Manche Analysten glauben, Peking wolle ASML oder einen EUV-Lizenzdeal, andere vermuten nichts Konkreteres, als dass Europa und die USA auseinanderdriften.

Christian: hast du die frankreich-zahlen gesehen
Caroline: Was mir mehr Sorgen macht, sind die chinesischen Rettungsleinen
Caroline: Wir werden auseinandergerissen
Christian: es tut mir leid
Christian: wirklich

Die politischen Folgen lassen nicht lange auf sich warten. Die Proteste schwellen im Frühjahr an, bis sie in Gewalt umschlagen. Auf den Bildschirmen im Berlaymont laufen Aufstände in Paris und Rom, meist junge Menschen, die wenig gemeinsam haben außer der Überzeugung, dass das System versagt hat. Populistische Parteien, oft ausdrücklich gegen KI und gegen die USA, führen in den meisten EU-Ländern die Umfragen an, und Europa zerfällt. Südeuropa braucht Hilfe aus dem Norden, doch selbst die Länder, die nicht völlig von Schulden zerrüttet sind und theoretisch helfen könnten, etwa Deutschland, haben mit ihren eigenen inneren Krisen zu kämpfen.

Teile des Blocks driften ab. Die Slowakei nimmt die Kommission außer beim Handel nicht mehr ernst. Polen und die baltischen Staaten, wachsam gegenüber Russland und überzeugt, dass die EU sie nicht mehr retten wird, vertiefen ihre Bindung an die USA. Die nordischen Länder, die eigene Rechenzentren gebaut haben und damit etwas in der Hand haben, bilden ihre eigene Koalition ohne Brüssel. Und viele in Großbritannien kommen zu dem Schluss, dass der Brexit am Ende doch für etwas gut gewesen sein könnte. Sie können nun leichter bilaterale KI-Deals mit Washington schließen.

Jenseits des Atlantiks sieht es anders aus. Konfrontiert mit der eigenen KI-feindlichen Gegenbewegung, hat die US-Regierung Arbeitsplatzgarantien und direkte Geldtransfers in einem Ausmaß eingeführt, das sich Europa nicht vorstellen kann. Die Proteste dort sind nicht verstummt, aber die Regierung hat Zeit gewonnen. Der Kontrast entgeht weder der europäischen Öffentlichkeit noch den europäischen Finanzministern, die genau wissen, dass die amerikanische Antwort durch KI-getriebenes Wachstum finanziert wird, das ihre eigenen Volkswirtschaften nicht hergeben.

Bis Januar 2031 steht der Euro unter dauerhaftem Druck. Kapital verlässt Südeuropa und kommt nicht zurück. Die EZB interveniert, interveniert erneut, und dann gehen ihr die glaubwürdigen Mittel aus. Bis Ende Februar schaffen Einleger in italienischen und griechischen Banken ihr Geld schneller nach Norden, als die EZB ausgleichen kann, und den Euro in seiner derzeitigen Form würde im privaten Gespräch kein europäischer Beamter mehr verteidigen.

Christian: wie hältst du durch
Caroline: Mir gehts gut
Christian: komm nach san francisco
Christian: im ernst. wir würden dich morgen einstellen
Caroline: Ich kann nicht weg.
Christian: warum nicht
Caroline: Irgendwer muss bleiben.

März 2031 – Zwischen Giganten

Anfang 2031 ballt sich die Macht an zwei Orten. Amerikanische KI-Firmen beherrschen die kognitive Frontier, China noch die physische. Atlas allein ist mehr wert als alle börsennotierten europäischen Unternehmen zusammen. Die drei größten amerikanischen KI-Firmen geben jeweils mehr für Rechenleistung aus, als die EU für Verteidigung. Und der führende chinesische Humanoid-Hersteller liefert in einem Monat mehr Einheiten aus als Europa in einem ganzen Jahr.

Die zunehmend angespannte transpazifische Beziehung hat Taiwan in den Vordergrund gerückt, denn TSMCs Fabs, in denen die weltbesten Spitzenchips gefertigt werden, liegen größtenteils auf der Insel. Die Lücke zwischen amerikanischer und chinesischer kognitiver KI ist im letzten Jahr größer geworden, und mit ihr Taiwans strategische Bedeutung. Kleinere Konfrontationen zwischen den Marinen, die sich vor zwei Jahren vielleicht einmal im Quartal zutrugen, ereignen sich nun jede Woche. Beide Seiten haben KI-gesteuerte Waffenplattformen öffentlich getestet und leistungsfähigere im Verborgenen. In Washington sind die Labore und das Verteidigungsministerium so eng verflochten, dass die Unterscheidung kaum noch etwas bedeutet. In Peking ist die Verflechtung formeller. Kommentatoren und Analysten benutzen regelmäßig das Wort Krieg, ohne Zusätze wie „Handels-” oder „kalt”, und in jeder Hauptstadt haben drei oder vier Männer die Entscheidungsgewalt, die zu einem ausgewachsenen Konflikt führen könnte.

Europa ist in einem katastrophalen Zustand, auch wenn kein Amtsträger bereit ist, das klar auszusprechen. Die Polarisierung grassiert, und das Sozialmodell zerbricht. In den Ländern, die der KI-Schock am härtesten getroffen hat, ist das Wirtschaftswachstum zum Stillstand gekommen, in anderen hat es sich vom allgemeinen Wohlergehen weitgehend abgekoppelt. Hypothekenausfälle sind in den Mitgliedstaaten in die Höhe geschnellt, in denen variabel verzinste Kredite üblich sind, und europäische Staatsanleihen werden zu Konditionen gehandelt, die sonst Ländern vorbehalten sind, in denen die Menschen ihr Bargeld in Schubkarren transportieren. Wo Ökonomen einst über die Wohlstandslücke zu den USA stritten, ob sie bloß an den geleisteten Arbeitsstunden liege, ob der europäische Lebensstandard nicht doch der bessere sei, da streiten sie nicht mehr. Wer nach Kalifornien reist, sieht den Unterschied schon wenige Minuten nach der Landung.

Aber Europa hat noch eine letzte Karte. Nach fünf Jahren, in denen der Aufbau eines Frontier-KI-Sektors gescheitert ist, kontrolliert es noch immer den einen Engpass, durch den das ganze Rennen läuft. ASML ist nach wie vor das einzige Unternehmen der Welt, das die EUV-Lithografieanlagen bauen kann, mit denen Spitzenchips gedruckt werden. Ohne Zugang zu seinen Maschinen könnten die USA ihren KI-Vorsprung nicht weiter ausbauen. Mit Zugang dazu hätte China wahrscheinlich längst aufgeholt.

Peking hat bei eigenen DUVi-Maschinen echte Fortschritte gemacht und dürfte in einem Jahr mit der Massenproduktion beginnen. Doch das ist zu wenig und zu spät, denn ein Jahr fühlt sich inzwischen wie eine Ewigkeit an, und DUVi liefert nicht die Spitzenchips, die China braucht, während die USA jeden Tag weiter vorpreschen. Die chinesische Regierung ist zutiefst beunruhigt darüber, dass superintelligente KI näher rückt, und keiner ist sich ganz sicher, was sie anrichten könnte. Manche Berater fürchten, die USA könnten hinreichend fortgeschrittene KI nutzen, um Chinas nuklearen Zweitschlag auszuschalten. Andere fürchten, solche Systeme ließen sich überzeugend genug machen, um die Partei selbst zu destabilisieren. Chinas Vorsprung bei den Robotern ist real, doch er kann diese Sorgen nicht zerstreuen.

Also setzt Peking noch stärker auf die Strategie, die es seit zwei Jahren verfolgt. Die Kredite an Südeuropa werden größer und die Bedingungen großzügiger, die Informationskampagnen verstärken sich, und europäische Staats- und Regierungschefs bekommen Signale, wie eine engere Beziehung eines Tages aussehen könnte. Privilegierter Marktzugang, gemeinsame Robotikproduktion, ein Platz an einem Tisch, von dem Washington sie weitgehend ausgeschlossen hat. Zum ersten Mal werden ASML und seine EUV-Technologie ausdrücklich erwähnt. Fünf Jahre, in denen Washington sie wie Vasallen behandelt hat, haben Spuren hinterlassen, und in mehreren Hauptstädten wird die Alternative zum ersten Mal ernsthaft erwogen.

China versucht, Europa aufzuspalten, und das gelingt besser, als Washington recht ist. Das Pentagon hält den Verlust der Kontrolle über ASML für eine Bedrohung, die mit der Verbreitung von Atomwaffen vergleichbar ist, und das Weiße Haus entscheidet, dass es jetzt die direkte Kontrolle über das Unternehmen braucht, solange das noch möglich ist. Der Anruf geht an die drei Länder, die das verhindern können, an die Niederlande, wo ASML seinen Hauptsitz hat, sowie an Deutschland und Frankreich, ohne deren Einwilligung keine niederländische Regierung zustimmen könnte.

Der US-Vizepräsident überbringt das Angebot in einem vierzigminütigen Gespräch über eine gesicherte Leitung. ASML selbst soll in eine niederländisch-amerikanische Holding eingegliedert werden, geführt von einem gemeinsamen Vorstand, in dem Washington bei Produktionsmenge, Kunden und Technologietransfer die ausschlaggebende Stimme hat. Im Gegenzug bieten die USA eine Kapitalspritze in einem Ausmaß, das Europa nicht aufbringen kann und das den Bau mehrerer neuer Produktionsstätten auf US-Boden ermöglicht. Bemerkenswerter noch, sie versprechen auch direkte Geldtransfers an europäische Bürger, gekoppelt an die KI-Sondergewinne der USA. Diese fielen anfangs klein aus, vielleicht 100 Euro pro Person und Jahr, würden mit der Zeit aber wachsen.

Die drei europäischen Staats- und Regierungschefs beschließen, ihre EU-Kollegen außen vor zu lassen. Sie halten das Angebot für inakzeptabel und fürchten, die anderen würden sie drängen, es anzunehmen. Als sie höflich ablehnen, macht das Weiße Haus das Angebot öffentlich und legt zum Zuckerbrot die Peitsche. Wenn die EU nicht unterzeichne, falle die ganze Region nach der Frontier Inference Services Rule auf Tier 3 und verliere jeden Zugang zu amerikanischer KI, gegenwärtig wie künftig. Die USA wissen, dass sie alle Trümpfe in der Hand halten, denn über ihre taiwanesischen Partner haben sie genug EUV-Maschinen und Wartungs-Know-how angesammelt, um länger ohne ASML-Zugang auszukommen, als Europa ohne Zugang zu Frontier-KI auskommt.

Mehrere europäische Hauptstädte wenden sich an die Chinesen, auf der Suche nach einem Gegenangebot, das ihnen den Spielraum gäbe, Washington abzulehnen. Was sie bekommen, ist nicht das, worauf sie gehofft hatten. Peking ist zu dem Schluss gekommen, dass seine Charmeoffensive nicht reicht und dass auch es die Gangart ändern müsse. Die Bedingungen für Exporte Seltener Erden würden überprüft, falls die Niederländer mit Washington unterzeichneten. Roboter-Exportlizenzen würden neu bewertet. Die Frist ist kürzer als die amerikanische.

Europa hat nun drei Optionen, und alle drei sind schlecht.

Mit Washington zu unterzeichnen hieße, dass der Kontinent sein einziges Druckmittel aufgibt und in allem außer dem Namen zu einem amerikanischen Protektorat wird, während seine verbliebene Fertigung stirbt, falls China seine Drohung wahr macht und die Exporte kappt.

Sich an Peking auszurichten hieße, dass der Süden vielleicht aufhört unterzugehen und die Union ihre unmittelbare Finanzkrise womöglich übersteht. Doch Europa würde China die Schlüssel zur Zukunft in die Hand geben und sähe sich einer Reaktion Washingtons gegenüber, die es nicht verkraften kann, nicht einmal mit chinesischer Hilfe. Tier 3 wäre nur der Eröffnungszug.

Mit keinem von beiden zu unterzeichnen hieße, dass Europa nichts bekommt und stattdessen den vollen Zorn beider Großmächte auf einmal abbekommt. Es riskiert, Frontier-Inferenz und kritische Vorprodukte für die Fertigung gleichzeitig zu verlieren, was die ohnehin angespannte Union wahrscheinlich auseinanderbrechen ließe.

Der Europäische Rat beruft eine Notsitzung ein. Nach vierzehn Stunden gibt es kaum Fortschritte. Er ermächtigt eine Delegation, nach Washington zu fliegen, mit einem Mandat, von dem jeder im Raum weiß, dass es bewusst mehrdeutig gehalten ist. Anders als sonst im Rat üblich werden die Spitzenvertreter vor Ort entscheiden.

Das Treffen findet an einem Dienstagmorgen im Eisenhower Executive Office Building statt. Die europäische Delegation führen der niederländische Premier, der französische Präsident, der deutsche Bundeskanzler, der polnische Premier, der spanische Premier und der italienische Ratspräsident an, jeder begleitet von seinem Außenminister und einem nationalen Sicherheitsberater.

Die Amerikaner sind mit einer ähnlich zusammengesetzten Gruppe angetreten, dazu zwei Beamte in der hinteren Reihe, die nicht vorgestellt werden und Kopfhörer tragen.

Diese Kopfhörer sind mit einem Frontier-KI-Modell verbunden, das jeden europäischen Kanal infiltriert hat, den es finden konnte. Es weiß, was jeder europäische Spitzenvertreter vergangenen Dienstag im Kabinett gesagt hat. Es weiß, wer von ihnen eine Affäre hat, wer wegen Prostatakrebs behandelt wird, wessen Tochter Ärger mit dem Gesetz hat. Es weiß, wovor jeder von ihnen am meisten Angst hat und was er hergeben würde, um dem zu entgehen. Die Europäer wissen das nicht.

Caroline gehört zum Unterstützungsteam, das die Kommission nach Washington mitgenommen hat. Sie sitzt zwei Türen weiter im Delegationsraum und verfolgt eine interne Übertragung auf einem Wandbildschirm.

Bis zum späten Vormittag ist klar, dass die Spitzenvertreter sich nicht einig sind. Der deutsche Bundeskanzler und der polnische Premier drängen hart auf den amerikanischen Deal. Der spanische Premier will sich an China ausrichten, der französische Präsident will beides ablehnen. Der niederländische Premier sieht krank aus, und der italienische Ratspräsident hat in drei Stunden kaum etwas gesagt.

Um zwölf wird eine Pause eingelegt, und die Spitzenvertreter ziehen sich mit ihren Delegationen in Nebenräume zurück. Caroline verlässt den Delegationsraum, um einen Kaffee zu suchen und den Kopf freizubekommen.

Im Korridor stößt sie fast mit dem Ratspräsidenten zusammen, der allein aus dem Sitzungssaal gekommen ist. Sein Jackett hat er ausgezogen, die Krawatte sitzt locker, und er ist kleiner, als sie ihn sich vorgestellt hatte. Er hält inne, als er ihr Ausweisband sieht.

„Kommission?”

„DG TRADE, Herr Präsident.”

Er sieht sie einen Moment an. „Kommen Sie mit.”

Sie gehen langsam. Er ist dafür bekannt, sich vor wichtigen Entscheidungen auf unvorhersehbare Weise Rat zu holen, bei Nachwuchskräften, Journalisten, seinem Fahrer, was manche charmant finden. Ob Zufall oder nicht, er hat auch vierzig Jahre in der europäischen Politik überlebt.

„Im Raum”, sagt er, „bringt jeder das Argument, das er seit zwei Jahren bringt. Ich habe alles gehört.” Er sieht sie an. „Welche der drei macht Ihnen am meisten Sorgen?”

Sie überlegt, bevor sie antwortet.

„Sich für keines zu entscheiden, sieht aus, als hielte man sich alle Optionen offen”, sagt sie. „Aber das tut es nicht. Wir müssen uns für eines entscheiden, statt die Dinge einfach geschehen zu lassen und so zu tun, als wären wir Opfer der Umstände. Und den Chinesen können wir nicht so viel Macht geben. Also müssen es die Amerikaner sein.”

Der Ratspräsident nickt langsam. Ob er zustimmt, sagt er nicht. Er klopft ihr leicht auf die Schulter, so wie es ein Onkel täte. „Danke. Holen Sie sich Ihren Kaffee.” Er dreht sich um und geht zurück in den Sitzungssaal.

Caroline geht auf die Toilette. Sie spritzt sich kaltes Wasser ins Gesicht und sieht sich im Spiegel an. Ihre Hände zittern, sie umklammert den Rand des Waschbeckens und wartet, bis es vorübergeht. Durch das kleine, hohe Fenster sieht sie einen Streifen Washingtoner Himmel, flach und hell.

Ein paar Türen weiter entscheiden sechs Menschen über das Schicksal des europäischen Kontinents. Sie weiß nicht, ob irgendetwas von dem, was sie gesagt hat, eine Rolle spielen wird. Sie vermutet, nein.

An diesem Abend geht sie allein zurück zum Hotel. Für Washington im März ist es kalt. Sie denkt an ihren Bruder, und sie denkt an die Dinnerparty in Hayes Valley vor sechs Jahren, an die ruhige Gewissheit der Menschen am Tisch, dass die Welt sich gleich verändern würde.

Ihr Handy summt.

Christian: alles ok bei dir?
Caroline: Schwieriger Tag
Christian: mein flug hat verspätung
Christian: drink in 1 stunde?
Caroline: Ja, bitte!

Epilog

Europas Abgleiten in die Bedeutungslosigkeit war nicht unausweichlich. Noch 2026 hätte der Kontinent den Kurs ändern können – hätte er den Mut und den politischen Willen zu drastischen Maßnahmen aufgebracht.

Ein grünes Mosaik der Europa auf dem Stier, dem klassischen Motiv der Zwei-Euro-Münze.

'Do not go gentle into that good night.

Rage, rage against the dying of the light.'

Dylan Thomas, Botteghe Oscure, 1951.

Juni 2034 – Project Inheritance

Vom Küchenfenster aus sieht man die Kuppeln. Es sind vier, weiß und gerippt, die nächste vielleicht zwei Meilen entfernt jenseits des Buschlands. Man hat Caroline erzählt, es seien maßstabsgetreue Prototypen für die Mondbasen, druckgeprüft unter Bedingungen, die denen des Shackleton-Kraters nahekommen sollen. In klaren Nächten sieht sie manchmal eine zweite, kleinere Kuppel, von innen beleuchtet, in der die Firma testet, was auch immer sie dort testet.

Sie lebt in einem kleinen Haus außerhalb einer Stadt in New Mexico. Bis zum nächsten Lebensmittelladen sind es mit dem selbstfahrenden Auto zwanzig Minuten. Sie ist gerade siebenunddreißig geworden und seit anderthalb Jahren hier.

Sie verließ die Kommission im November 2031, acht Monate nach der ASML-Verhandlung. Brüssel war ein trostloser Ort geworden. In den Sommer vor ihrer Kündigung fiel die Taiwan-Krise, vier Tage, in denen niemand schlief, weil keiner wusste, ob die Flugzeugträgerflotten stoppen würden. Sie hatte gekündigt, ohne ein Ziel vor Augen.

Christian hatte sie erneut gebeten, nach Amerika zu kommen, und sie hatte erneut Nein gesagt. Dann, ein Jahr später, sagte sie Ja. Ihre Mutter war im Frühjahr gestorben, und in Belgien oder Frankreich hielt sie wenig, außer ihrem Bruder. Nach San Francisco zog sie nicht. Sie nahm widerwillig sein Geld und zog stattdessen hierher, nach Amerika, aber nicht in jenes Amerika.

Sie und Christian sehen sich jetzt regelmäßiger. Er hat seine Firma verkauft und ist nach allen vernünftigen Maßstäben ungeheuer reich. Einen Teil des Geldes hat er in das gesteckt, was er das wichtigste Projekt seines Lebens nennt.

An diesem Morgen wartet sie auf einen Anruf aus diesem Projekt.

Es heißt Inheritance, und sein erklärtes Ziel ist es, eine möglichst vollständige Aufzeichnung davon zu erstellen, wie die Menschheit hierher gekommen ist. Die KIs haben alles Öffentliche bereits erfasst, von E-Mails über Parlamentsprotokolle bis zu Podcasts. Was bleibt, sagt Christian, ist das Private.

Christian tut das, weil er erwartet, dass die Menschheit bald beginnen wird, sich über die Erde hinaus auszubreiten, auch wenn die Einzelheiten noch vage sind. Wenn die Schiffe hinaus ins All ziehen, wird die Verständigung mit der Heimat langsam und spärlich und schließlich unmöglich, und die menschlichen Werte werden mit der Zeit auseinanderdriften. Je besser diese raumfahrenden Menschen ihre eigene Geschichte verstehen, sagt er, desto eher werden sie Entscheidungen treffen, die ihre Vorfahren gutgeheißen hätten.

Als er ihr das zum ersten Mal erklärte, lachte Caroline, doch er meinte es ernst.

Sie willigte ein, sich interviewen zu lassen. Sie schuldete es ihm, ganz wörtlich, denn er hatte ihr eine große Summe gegeben, und außerdem sagt ihre Therapeutin, eine echte, menschliche Therapeutin, es täte ihr gut, über ihre Jahre in Brüssel zu sprechen.

Ihr Laptop piept. Der Mann, der auf dem Bildschirm erscheint, als sie klickt, ist Anfang vierzig. Er hat dunkles Haar, trägt einen weichen grauen Pullover und sitzt in etwas, das wie ein Arbeitszimmer aussieht. Er stellt sich als Daniel vor.

Caroline sieht ihn einen Moment an. „Mein Gott, ich finde es unfassbar, dass du nicht echt bist.”

„Ich auch”, sagt er lächelnd. „Ist das Aussehen in Ordnung? Wir stellen fest, dass die Leute offener sind, wenn der Interviewer auf eine Weise auftritt, die sie als angenehm empfinden.”

„Passt schon”, sagt sie. “Bitte duzen”.

„Danke. Wir können anfangen, wann immer du so weit bist.”

Sie macht sich Kaffee, kommt zurück und setzt sich. Er wartet, ohne dabei irgendetwas zu tun, das wie Warten aussieht.

„Ich bin so weit.”

Der Interviewer nickt. „Du hast unter drei Generaldirektoren bei der Kommission gearbeitet. Haben sie verstanden, was vor sich ging?”

„Keiner von ihnen hat es rechtzeitig verstanden. Mein zweiter Direktor begriff, dass KI wirtschaftlich wichtig sein würde, aber er dachte, sie werde wichtig sein, so wie das iPhone wichtig war. Dass sie die Welt verschlingen würde, begriff er nicht. Meine dritte Direktorin begriff, dass sie die Welt verschlingen würde, aber sie dachte, wir hätten zehn Jahre. Wir hatten zwei.”

„Und du?”

„Ich habe es etwa ein Jahr früher begriffen als die meisten meiner Kollegen. Was immer noch etwa drei Jahre zu spät war.”

„Nimm mich mit zurück in den Sommer 2026. Vor Straßburg. Wie war diese Zeit?”

„Seltsam. Ungewiss. Der Bundeskanzler war gerade aus San Francisco zurück und schien offen für ernsthafte Maßnahmen, ebenso der französische Präsident und mein Chef. Ein paar Wochen lang fühlte es sich an, als stünde die Tür offen. Ich habe viele Nächte durchgearbeitet.”

„Was hast du deinen Vorgesetzten empfohlen?”

Sie denkt zurück. „Wir brauchten die Hardware auf eigenem Boden. Die Rechenzentren, die Chips, die Stromversorgung, verankert im europäischen Recht, an Orten, die Washington nicht mit sechs Stunden Vorlauf in Beschlag nehmen konnte. Nicht die ewig dauernden Gigafactories, auf die alle so stolz waren, sondern echte Rechenleistung. Die Zahlen mussten mindestens im zweistelligen Gigawattbereich liegen. Wir hätten bauen sollen wie ein Land im Krieg.”

Der Interviewer hebt eine Augenbraue. „Aber in Europa standen damals nur fünf Prozent der globalen Rechenleistung.”

„Das hätten wir ändern können. Die globale Rechenkapazität verdoppelte sich fast jedes Jahr, und wir hätten in fünf Jahren auf fünfzehn, vielleicht zwanzig Prozent kommen können, wenn wir es nur ernst genug gewollt hätten. Das hätte gereicht, um die meisten europäischen Kunden zu bedienen. Und die Drohung, den Zugang zu so viel Rechenleistung zu verlieren, hätte Washington davon abgehalten, das zu tun, was sie am Ende taten.”

„Wie hättest du das gemacht?”

„Europäische Firmen hätten es nicht allein geschafft, wir hätten auch mit den Amerikanern zusammenarbeiten müssen. Geld war nicht das Entscheidende. Subventionen hätten geholfen, aber die Hyperscaler hatten ja Geld. Was sie brauchten, war Tempo. Sie steckten in einem irrsinnigen Rennen, neue Modelle herauszubringen, und ein einzelnes Rechenzentrum einen Monat früher ans Netz zu bringen war für sie Milliarden wert.

Ich plädierte dafür, dass Europa Special Compute Zones schafft, die Genehmigungsfristen von zwei Jahren auf drei Monate verkürzt und jedes bürokratische Hindernis aus dem Weg räumt. Concierge-Teams, die zwischen KI-Unternehmen, Energieversorgern und Kommunen vermitteln. Stillgelegte Kraftwerke umfunktionieren, wo die Netzanschlüsse schon da sind. Neue Kraftwerke aufbauen, als meinten wir es ernst. Eine abgespeckte Fassung dieser Idee landete am Ende im Tech-Souveränitätspaket der EU, aber umgesetzt haben wir sie nicht.”

„Warum nicht?”

„Weil es wie das Gegenteil von Souveränität aussah, amerikanischen Hyperscalern den roten Teppich auszurollen. Die Eurostack-Leute wollten ein eigenes Ding bauen, aber sie waren zehn Jahre zu spät dran. Ich sagte ihnen, realistisch könnten wir nicht alle Rechenzentren selbst bauen, also müssten wir dafür sorgen, dass die, die gebaut werden, auf unserem Boden festgeschraubt sind. Aber niemand wollte der Politiker sein, der das ausspricht. Es war zu demütigend.”

Der Interviewer nickt.

„Du hast auch über eine Koalition von KI-Mittelmächten geschrieben.”

„Ja. Mit ASML haben wir es gründlich vermasselt, aber das hätte sich vermeiden lassen. Das Problem war, dass wir uns unter siebenundzwanzig Mitgliedstaaten abstimmen mussten. Eine kleinere Gruppe von Mittelmächten, die Niederlande, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Kanada, Japan, Südkorea, vielleicht mit Rückendeckung der Europäischen Kommission, hätte es gemeinsam vielleicht geschafft, denn die meisten dieser Länder hatten wichtige Druckmittel in der Hand. Engpässe in den Lieferketten, KI-Talente, Energie.

Die ganze KI-Lieferkette lief über nur eine Handvoll Orte, und die wenigsten davon lagen in den Vereinigten Staaten. Trotzdem haben wir uns nie mit den Japanern oder den Koreanern zusammengesetzt und gesagt: Wir sitzen doch im selben Boot, ihr und wir, eingeklemmt zwischen zwei Großmächten, für die wir nur Mittel zum Zweck sind. Zusammen hätten wir mehr Gewicht als jeder für sich allein.

Einfach wäre es nicht gewesen. Jedes dieser Länder hatte seine eigene komplizierte Beziehung zu Washington. Aber es gab einen Mittelweg, der auch in ihrem Interesse lag, und wir haben nie wirklich versucht, ihn zu finden.”

Sie hält inne. Aus dem Nebenzimmer hört sie das Haussystem summen, das die Wäsche vorbereitet. Draußen bleibt ein vierbeiniger Lieferroboter auf dem Kiesweg stehen.

„Was noch?”

„Bei der Robotik und der industriellen KI gab es eine echte Chance. Die Frontier AI Initiative war bei den Weltmodellen, die die Roboter am Ende zum Laufen brachten, überraschend erfolgreich. Aber wir haben die Industriepartnerschaften nicht auf die Beine gestellt, wir haben die Daten nicht freigegeben und wir haben ausländische Investitionen nicht überprüft. Als Atlas darauf aufmerksam wurde, kaufte es eben die Forscher und die Firmen.”

Der Interviewer nickt erneut. „Und der Arbeitsmarkt?”

„Ich hatte einen Freund in der französischen Regierung, der an Arbeitsmarktreformen arbeitete. Der redete ständig davon, dass Dänemark die Lösung seit dreißig Jahren vormacht, dieses ganze Flexicurity-Modell. Man verbindet eine ernstzunehmende Lohnversicherung, Umschulung und echte Unterstützung für Beschäftigte, die verdrängt werden, mit der Freiheit der Unternehmen, sich von Leuten zu trennen, deren Jobs sich verändert haben. Genau das gibt den Firmen den Spielraum, KI tiefgreifend einzuführen und weltweit wettbewerbsfähig zu bleiben.

Wir kannten das Modell. Wir hatten die dänischen Zahlen vor Augen. Aber jeder Mitgliedstaat hatte sein eigenes Arbeitsrecht, seine eigenen Gewerkschaften, seine eigene politische Koalition, und niemand wollte das Geld dafür in die Hand nehmen. Also wuchs die Produktivitätslücke immer weiter, und der Schutz, den wir angeblich bewahrten, höhlte sich nach und nach aus.”

Sie blickt einen Moment aus dem Fenster.

„Ich denke viel an den Juni letzten Jahres”, sagt sie, mehr zu sich selbst als zu ihm. „An die Aufstände in Spanien. Wie ich sie in den Nachrichten sah und das Gefühl hatte, ich hätte sie verhindern können.”

Der Interviewer wartet. Darin ist er sehr gut.

„Ich weiß, ich sollte mir keine Vorwürfe machen, aber ich tue es.”

„Warum?”

„Alles, was ich gerade beschrieben habe, war Wirtschaftspolitik. Rechenleistung, Lieferketten, Arbeitsgesetze. Aber das Einzige, das ich nie wirklich gelöst habe und das vermutlich viel wichtiger war, als mir damals klar war, das war die Erzählung. Die Frage, warum die Leute das alles überhaupt wollen sollten.

Wir hatten eine negative Vision, und darin waren wir richtig gut. Wir würden verschlungen werden, untergehen. Jedes Memo, das ich schrieb, fing damit an aufzuzählen, was wir alles verlieren würden. Nur eine positive Vision, die hatten wir nie. Und man kann von Menschen nun mal nicht verlangen, jahrelange Umbrüche durchzustehen, bloß damit es am Ende nicht noch schlimmer kommt.

Wir hätten ihnen sagen müssen, wie die gute Version des Neuen aussieht. Aber wir wussten ja selbst nicht, wie sie aussehen würde. Uns fehlten sogar die Worte dafür. Und weißt du, ich hab es ja versucht. Ich hab ein schlechtes Memo geschrieben. Vielleicht hätte ich einfach weiterschreiben sollen.”

Der Interviewer macht sich eine Notiz auf einem Block, den es gar nicht gibt. „Glaubst du, dass es an dieser fehlenden positiven Vision lag, dass die Maßnahmen nie beschlossen wurden? Du sagtest doch, die politische Lage sei im Sommer 2026 in Bewegung gewesen.”

Sie war in Bewegung, und gleichzeitig war sie es nicht. Selbst die Führungsebene, die begriffen, was da auf uns zukam, waren sich ihrer eigenen Sache nicht ganz sicher. Jede einzelne dieser Maßnahmen sah aus wie ein hässlicher Kompromiss. Sich mit Leuten einlassen, die wir nicht mochten. Regeln über Bord werfen, an denen wir jahrzehntelang gefeilt hatten. Sie hätten bedeutet, jede Münze an politischem Kapital und einen Großteil des echten Kapitals für Dinge auszugeben, die die Wähler nicht verstanden und nicht wollten, und das für Gewinne, die noch Jahre entfernt lagen. Keiner dieser Souveränitätsvorteile fühlte sich damals greifbar an. Ich weiß nicht, ob irgendein Politiker die drastischen Veränderungen, die wir brauchten, hätte durchsetzen können, ohne seine Karriere zu ruinieren. Ich bin mir nicht mal sicher, ob sie es überhaupt hätten tun sollen.

Der Interviewer hebt den Kopf. „Erzähl mir mehr.”

Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Es gibt da diese eine Version, in der die Führungsleute, die ja sahen, was kommen würde, alles in die Waagschale werfen, was sie haben. Sie verlieren ihre Regierungen, werden von den Populisten abgelöst, die sowieso schon im Kommen waren, und am Ende drehen die Populisten alles wieder zurück, und es kommt nur noch schlimmer.”

„Und trotzdem hast du diese Memos geschrieben.”

„Ich sah ja, dass das europäische Modell kurz vorm Zusammenbruch stand. Die Frage war doch nur, ob man die Regeln für einen Sektor eine Weile aussetzt, um das Sozialmodell überall sonst zu retten, oder ob man überall an ihnen festhält und dabei zusieht, wie das Ganze zerbröselt. Ich hab mich für das Erste entschieden. Ein paar Kollegen warfen mir vor, ich würde Europas sozialdemokratische Wurzeln verraten, nannten mich eine Libertäre. Dabei ging es mir bei allem, was ich schrieb, nur um eins, das europäische Projekt zu retten. Die alten Lager, das spielte längst keine Rolle mehr.”

„Hast du je gedacht, wir sollten auf die Bremse treten?”

„Natürlich. Das ging vielen so. Ich hätte den Knopf gedrückt, wenn ich gekonnt hätte. Das Tempo rausnehmen, der Gesellschaft Zeit geben, sich anzupassen, die KI-Sicherheitsforschung mit der Frontier Schritt halten lassen. Aber wir hatten ja gar keinen Knopf. Die Technologie entstand außerhalb Europas, und die USA und China steckten mitten in diesem fieberhaften Rennen. Hätten wir uns echte Druckmittel aufgebaut, hätten wir sie vielleicht zum Bremsen zwingen können, oder wenigstens beide dazu, endlich das verdammte Telefon in die Hand zu nehmen und miteinander zu reden. Aber wir hatten überhaupt keine Verhandlungsmacht. Und so blieb Europa am Ende nur ein einziger Weg, und der führte durch die KI hindurch, nicht um sie herum.”

Sie hält inne.

„Weißt du, ich habe lange nach Leuten gesucht, denen ich die Schuld an all dem geben kann. Aber irgendwann bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es in dieser Geschichte gar keine echten Bösewichte gab. Es ist eher so, dass das System, aus dem unsere Entscheidungen kamen, genau richtig auf die Anreize reagiert hat, die man ihm gesetzt hatte. Und diese Anreize passten einfach hoffnungslos schlecht zu dem, womit wir es zu tun hatten. Das Versagen war kein Versagen von Einzelnen. Es war ein Problem mit Dingen wie dem Informationsfluss, den politischen Zwängen und dem Tempo, in dem Institutionen sich überhaupt anpassen können. Das will bloß niemand hören. Denn wenn es stimmt, dann gibt es auch niemanden, auf den man wütend sein kann. Und die Menschen brauchen nun mal jemanden, auf den sie wütend sein können.”

Sie sieht den Interviewer an.

„Was denkst du?”

Er lässt sich einen Moment Zeit.

„Darf ich ganz offen sein?”

Sie runzelt die Stirn.

„Ich glaube, du machst dir selbst etwas vor.” Er lächelt.

Sie starrt ihn an.

„Wie bitte?”

„Nicht die Analyse. Die Analyse stimmt schon. Aber ich glaube nicht, dass diese Analyse das ist, was du wirklich fühlst.”

„Was?”

„Du erzählst mir eine Geschichte, in der niemand schuld ist. In der die Anreize falsch gesetzt waren, das Versagen strukturell war und nicht mal klar ist, ob die Führungsebene es überhaupt hätten versuchen sollen. Eine sorgfältig gebaute Geschichte. Eine, die intellektuell wasserdicht ist. Ich glaube nur nicht, dass es die Geschichte ist, an die du selbst glaubst.”

„Du weißt nicht, was ich glaube.”

„Nein. Aber ich ahne es. Ich glaube, du bist wütend. Ich bin mir nur nicht sicher, auf wen.”

Sie sagt nichts.

„Ich kann mich irren”, sagt der Interviewer. „Für vieles bin ich nicht das richtige Werkzeug. Aber du hast mich gefragt, was ich denke.”

Sie ist einen langen Moment still. Die Kuppel draußen vor dem Fenster hat eine andere Farbe als noch zu Beginn des Gesprächs.

„Also gut. Du willst wissen, auf wen ich wütend bin? Auf Christian. Genau in diesem Moment bin ich wütend auf Christian, weil er mir eine verdammte KI schickt, um mich über die schlimmsten Jahre meines Lebens auszufragen, und jetzt macht das Ding offenbar auch noch Therapie. Ich bin wütend, dass ich sein Geld genommen habe. Ich bin wütend, dass er immer wieder in meinem Leben auftaucht, mit diesem ernsten Gesicht, diesem Ich-hab-da-ein-Projekt-das-die-Menschheit-rettet-Gesicht, und das Projekt ist jedes Mal echt und das Geld ist jedes Mal echt, und ich krieg es einfach nie übers Herz, Nein zu sagen. Ist es das, was du hören wolltest?”

„Ein Teil davon.”

„Was soll das heißen?”

„Ich glaube, du lenkst ab.”

„Psychoanalysier mich nicht.”

Er zuckt mit den Schultern. Eine Pause entsteht. Sie merkt erst jetzt, dass sie die Tischkante umklammert. Sie öffnet den Mund und schließt ihn wieder.

„Gut. Ich bin wütend. Ich bin so unfassbar wütend. Wütend auf die USA und China, dass sie uns beinahe in einen Dritten Weltkrieg gerissen hätten. Wütend, dass wir eine Handvoll machthungriger Männer über unsere Zukunft haben entscheiden lassen. Wütend auf die KI-Labore, dass sie diese ‚Werkzeuge’ bauten, ohne auch nur zu wissen, wie man sie kontrolliert. Wütend auf die europäischen Führungsleute, für ihr ewiges, braves Malen innerhalb der Linien, für ihre endlosen Gesprächsrunden, für ihr Warten darauf, dass das politische Umfeld endlich so weit ist.

Das politische Umfeld ist nie so weit. Es war es während Corona nicht und es war es nicht, als Russland in die Ukraine einmarschierte. Die Menschen handelten trotzdem. Als Corona uns traf, gingen wir in den Lockdown und stellten in Rekordzeit ein Impfprogramm auf die Beine. Nach dem russischen Einmarsch zogen wir LNG-Terminals aus dem Boden und trommelten in jedem Mitgliedstaat das Geld zusammen, um die Ostgrenze zu verteidigen. Wir brachen jede Regel, die im Weg stand, weil wir begriffen, dass unsere Zukunft genau davon abhing.

Weißt du, was ich unserer politischen Führung wirklich vorwerfe? Nicht Dummheit, nicht Bosheit. Den fehlenden Mut. Dass keiner von ihnen bereit war, auf etwas zu schauen, das schwer zu greifen, aber doch offensichtlich im Gange war, und zu sagen: Ich tue jetzt etwas dagegen, auch wenn es mich wahrscheinlich meine Karriere kostet. Niemand hat das getan. Kein Einziger. Sie alle sahen nur ihre eigenen kleinen Anreize und beugten sich ihnen, und dann erzählten sie sich Geschichten darüber, warum diese Anreize das Einzige seien, was sie überhaupt sehen könnten. Und diese Geschichten waren raffiniert und gut begründet und gingen trotzdem komplett am Kern vorbei.

Es ist wie … es ist wie … ich weiß auch nicht. Ein Orakel steht plötzlich vor deiner Tür und sagt, du musst dich in drei Jahren über 200 Meter Freistil für Olympia qualifizieren, sonst geht die Welt unter. Und du trainierst so gut wie gar nicht. Gehst vielleicht einmal die Woche ins Fitnessstudio. Es gibt keine realistische Version, in der du dich qualifizierst. Aber das Orakel hat recht. Die Welt geht wirklich unter, wenn du es nicht schaffst. Was solltest du also tun? Trainieren. Trainieren wie ein gottverdammter Verrückter. Acht Stunden pro Nacht schlafen, das Richtige essen, deine Freunde nicht mehr sehen, weil die Alternative der Weltuntergang ist. Aber genau das tust du nicht. Du trainierst nicht, weil das Wasser kalt ist. Weil du eigentlich eher der Tennistyp bist. Weil du dir einredest, der Trainer wolle doch nur Geld verdienen. Du tust nichts. Du lässt es einfach geschehen.

Genau das haben wir getan. Wir ließen es geschehen. Wir redeten uns ein, es sei nicht zu schaffen, gingen nach Hause und ließen es geschehen. Und ich bin so verdammt wütend auf uns alle dafür. Denn es hätte sich schaffen lassen. Es hätte sich schaffen lassen. Nicht mit Sicherheit. Aber es gab eine Chance, und wir haben es nicht mal versucht.”

Sie verstummt. Sie merkt, dass sie weint. Seit Jahren hat sie nicht mehr vor einem anderen Menschen geweint, nicht mal bei ihrer Therapeutin.

Der Interviewer hat, wie sie bemerkt, den Anstand wegzusehen.

„Ich weiß, dass du mich trotzdem sehen kannst”, sagt sie.

„Ja.”

„Ist schon gut.”

Sie wischt sich die Augen. Draußen trottet der Vierbeiner den Kiesweg hinunter, und einen kurzen Moment lang fängt die späte Sonne sich in seinen Platten.

Es ist, stellt sie fest, beinahe schön.