August 2026 – Weggabelung
Im Februar war der deutsche Bundeskanzler zu einem Staatsbesuch nach China gereist und hatte in Hangzhou chinesische E-Auto- und Roboterfabriken besichtigt. Insidern zufolge kehrte er ernüchtert und alarmiert zurück – überzeugt davon, dass die deutschen Hersteller gegenüber ihren chinesischen Konkurrenten den Anschluss zu verlieren drohen, wenn die Branche nicht an Tempo zulegt. Nun plant er eine ähnliche Reise nach San Francisco, denn in den letzten Monaten haben Menschen, die er respektiert – deutsche Wirtschaftsführer und Ökonomen, amerikanische Banker –, ihm gesagt, die KI-Revolution sei real, und er will es mit eigenen Augen sehen. Eine Industriedelegation begleitet ihn.
Der Kanzler ist kein Mann, der sich leicht beeindrucken lässt, und doch kehrt er auch diesmal stiller zurück, als er aufgebrochen ist. Ihm ist klargeworden, dass die europäischen Eliten die vergangenen achtzehn Monate falsch gedeutet haben. Während sie debattierten, ob die KI an Grenzen stoßen würde, entwickelte sich die Technologie schneller, als selbst die Optimisten vorhergesagt hatten; während sie die Tragweite der KI abwogen, revolutionierte sie bereits die Softwareentwicklung und die Cybersicherheit; und während sie ihre Initiativen für eine souveräne europäische KI feierten, vertiefte sich ihre Abhängigkeit von amerikanischen Anbietern nur weiter.
In den folgenden Tagen führt er eine Reihe langer Telefonate mit dem französischen Präsidenten und der Präsidentin der Europäischen Kommission, und alle drei sind der Ansicht, dass Europa einen Wendepunkt erreicht hat. KI-Systeme werden immer leistungsfähiger werden, und es gibt keinen guten Grund zu glauben, dass sie auf menschlichem Niveau haltmachen werden. Sie werden Arbeitsmärkte, Sicherheitsarchitekturen und das Machtgleichgewicht zwischen Supermächten neu ordnen. Europa ist abhängig und unvorbereitet – wenn das Schiff also gewendet werden soll, muss es jetzt gewendet werden.
Die Frage ist, wie. Ihre technischen Berater plädieren für einen regulatorischen Freibrief für KI-Unternehmen, Rechenzentrumsbetreiber, sowie andere Unternehmen in der Hardware-Lieferkette; nur eine wirklich wirkmächtige Antwort, sagen sie, sei der Herausforderung angemessen. Die KI werde eine neue industrielle Revolution auslösen, und wenn Europa nicht rasch dieser anschließe, werde es abgehängt – es müsse ein höheres Tempo anschlagen, als es das in Friedenszeiten je versucht habe.
Ihre politischen Berater hingegen flehen um etwas Zurückhaltenderes und warnen, dass ihre Regierungen die öffentliche Gegenreaktion auf ein solches Paket möglicherweise nicht überleben würden. Die Menschen mögen KI nicht; Frankreich, Deutschland und die EU stehen vor vielen anderen wichtigen Herausforderungen, und nur ein kleiner Bruchteil der Wähler werde die Notwendigkeit verstehen. Die „wirkmächtige Antwort”, sagen sie, sei am wirksamsten darin, politische Karrieren zu beenden.
September 2026 – Eine positive Vision
Auf der Neuauflage des deutsch-französischen KI-Souveränitätsgipfels in Straßburg halten der französische Präsident und der deutsche Bundeskanzler eine gemeinsame Ansprache, geschrieben von ihren politischen Beratern.
Caroline sieht zu Hause in Lille zu. Die beiden Staatsmänner sprechen von Entschlossenheit: Europa könne es sich nicht länger leisten, bei strategischen Technologien von anderen abhängig zu sein, sagen sie, eine Lektion, die man bei der Verteidigung und der Energie bereits schmerzhaft gelernt habe. Also müsse Europa seine eigene Frontier-KI bauen.
Die Herausforderung sei riesig, aber zu bewältigen. Was nötig sei, seien Investitionen, Regeln, die amerikanische Anbieter zum Fairplay zwingen, und eine Öffentlichkeit, die europäisch kaufe. Die Rede hat ausgezeichnete Slogans.
In den folgenden Wochen kommen die KI-Ankündigungen fast täglich, denn der Plan ist, die Skeptiker zu überrumpeln und ein Gefühl der Hoffnung zu verbreiten. Die Frontier-AI-Initiative wird großzügig mit einer Kapitalspritze von 2 Milliarden Euro ausgestattet, vier weitere Gigafabriken werden angekündigt, neue Programme zur Einführung von KI aufgelegt. Die Europäische Kommission geht gegen einen amerikanischen Anbieter von KI-Modellen vor, weil er gegen den AI Act verstößt, und leitet außerdem nach dem Digital Services Act zwei Verfahren wegen systemischer Risiken ein – wegen des Umgangs der Anbieter mit KI-generierter Desinformation –, wobei sie sich auf eine sehr weit gefasste Interpretation des Gesetzes stützt.
Die Leitmaßnahme – jene, über die Carolines Kollegen beim Kaffee reden – ist ein Kommissionsvorschlag, unterstützt von Frankreich und Deutschland, für eine Verordnung zur digitalen Souveränität, die vorschreibt, dass kritische Systeme des öffentlichen Sektors bis 2032 zu 100 Prozent auf europäischer Cloud- und KI-Software laufen müssen. Keine amerikanische KI mehr, keine amerikanischen Clouds. Sie ist den europäischen Klimazielen nachempfunden und würde jene Art von verbindlicher Frist schaffen, die alle Beteiligten zum Handeln zwingt; zugleich würde sie europäischen Anbietern einen großen, garantierten Kundenstamm sichern.
Die Maßnahmen werden gut aufgenommen. Die Entkopplung von den USA ist populär, und Kommentatoren feiern den Schritt als Industriepolitik für das KI-Zeitalter – Europa stütze endlich seine eigenen Technologieunternehmen. Selbst Carolines skeptischere Kollegen räumen ein, dass sich endlich etwas bewegt.
Einige Ökonomen und Technologiepolitiker äußern Zweifel. Europa könne harten Zielkonflikten nicht länger ausweichen, sagen sie. Die Investitionen seien zu klein und entfalteten zu wenig Hebelwirkung – wo seien die Marktanreize, um Rechenkapazitäten in großem Maßstab auf europäischem Boden aufzubauen? Die Beschaffungsziele gingen die grundlegenden Probleme nicht an: etwa den fragmentierten Binnenmarkt, starre Arbeitsgesetze für Top-Talente, die das Anwerben von Spitzenkräften erschwerten, oder nationale Regeln, die Branchen wie das Gesundheits- und Rechtswesen faktisch abschotteten. Und während die regulatorischen Maßnahmen nach dem AI Act gut begründet seien, schienen jene nach dem Digital Services Act zumindest teilweise politisch motiviert. Sollte Europa seine Kämpfe nicht mit mehr Bedacht wählen?
Doch die europäischen Eliten sind der Schwarzmalerei überdrüssig. Hier ist eine positive Vision, ein Moment des Schulterschlusses. Zweifler behalten ihre Bedenken für sich.
Caroline hat durchaus Zweifel. Sie ist beunruhigt, dass das gesamte KI-Souveränitätspaket davon ausgeht, dass Europa in neun Jahren noch einen schützenswerten Frontier-KI-Sektor haben wird. Was, wenn nicht?
Sie schreibt ein Memo, das genau diesen Punkt macht und Maßnahmen fordert, die Hebelwirkung aufbauen – einen Notfallplan für den Fall, dass der europäische KI-Champion Helios die Lücke nicht schließen kann, oder die Gigafabriken zu kurz greifen, oder die Buy-European-Mandate die öffentlichen Verwaltungen mit schlechteren Werkzeugen zurücklassen als die amerikanischen. Ihr Direktor liest die Notiz sorgfältig. Es sei, sagt er ihr, ein durchdachter Beitrag, und er verspricht, ihn nach oben weiterzureichen.
Christian: 2030? 100% souverän?
Christian: was ist plan b?
Caroline: Es gibt keinen.
Christian: natürlich gibt es keinen
Unter vier Augen sagen sich der deutsche Bundeskanzler und der französische Präsident, sie hätten getan, was in ihrer Macht stand. Selbst sie könnten sich nicht über so viele politische Zwänge auf einmal hinwegsetzen; mehr hätte das System nicht verkraften können.
Juni 2027 – Das Fenster schließt sich
Im Sommer darauf veröffentlicht das chinesische Labor Zimo die Gewichte eines Modells der Mythos-Klasse, und die offensiven Cyberfähigkeiten, die Anthropic mit Project Glasswing unter Verschluss gehalten hatte, stehen nun jedem offen. Und nicht alle, die nun Zugriff haben, führen Gutes im Schilde.
Mit den neuen Fähigkeiten fahren Hacker durch alte, schlecht gesicherte Standardsoftware wie eine Kettensäge durch Seidenpapier. Europäische Universitäten, Krankenhäuser, Regionalverwaltungen, jede Einrichtung ohne Cyberverteidigung der Mythos-Klasse wird aus den eigenen Systemen ausgesperrt. Auf den Bildschirmen stehen Krypto-Wallet-Adressen, und es bleibt keine andere Wahl, als zu zahlen. Eine Chance hat nur, wer selbst KI zur Verteidigung einsetzt. Der Zorn der Menschen entlädt sich auf die KI-Firmen. Sie haben die Seuche losgelassen und lassen sich die Heilung jetzt teuer bezahlen.
Europa bekommt die Folgen seines Souveränitätskurses jetzt am eigenen Leib zu spüren. Die Digital Sovereignty Regulation ist gerade verabschiedet worden, und mehrere Mitgliedstaaten haben begonnen, ihre Beschaffung umzustellen, doch der amerikanische KI-Marktführer Atlas ist Europas Champion Helios in der Cyberverteidigung meilenweit voraus. Ausgerechnet jene Behörden, die sich der ‚Buy European’-Agenda am stärksten verschrieben und ausschließlich von europäischen Anbietern beschafft haben, zahlen nun die Lösegelder.
Wer nebenbei noch einen amerikanischen Vertrag behalten hat, steht besser da, doch auch dort bleibt die Verteidigung zweitklassig. Seit der Executive Order winkt die US-Regierung jedes neue Frontier-Modell informell zur Veröffentlichung durch, und so erreichen die besten amerikanischen Cyber-Modelle Europa erst zwei bis sechs Monate nach ihrem Erscheinen in den USA, gefährlich nahe am Open-Source-Frontier und lange, nachdem amerikanische Hacker längst Zugriff haben. Offiziell dient das der Sicherheit und der Aufsicht. Inoffiziell hat Washington einen asymmetrischen Vorteil entdeckt und denkt nicht daran, ihn herzugeben.
Caroline verbringt den Großteil des Juni in Telefonaten mit den Regierungen der Mitgliedstaaten. Die Gespräche sind kurz und unangenehm.
Christian: wie kommt brüssel mit der ransomware-welle klar
Caroline: Schlecht. Die Souveränitätspolitik beißt uns.
Christian: die ironie
Caroline: Es ist nicht mehr lustig.
Christian: sorry. du hast recht
Gerade als die Lage in Europa unhaltbar wird, kündigen sowohl die USA als auch China strenge Beschränkungen für die Open-Source-Veröffentlichung von Frontier-KI-Modellen an. Washington beruft sich auf die nationale Sicherheit und verweist darauf, dass Open Source die Forschung von Gegnern beschleunige und autonome Cyber-Fähigkeiten verbreite. Peking spricht von gesellschaftlicher Stabilität und Ordnung. Ausnahmsweise kommen die beiden Regierungen zum selben Schluss. Frontier-Modellgewichte sind zu gefährlich geworden, um sie noch an jeden zu verschenken.
Als Caroline am Abend der chinesischen Ankündigung das Büro verlässt, liegt eine gelöste Stimmung in der Luft. Dabei hatte das Tech-Souveränitätspaket der EU Open-Source-Modelle noch als Gegengewicht zur amerikanischen KI-Dominanz gepriesen. Und doch sind ihre Kollegen erleichtert. Die Ransomware-Welle werde abebben, die Offensive schwächeln, die Verteidigung aufholen, die Krise sei eingedämmt. Kaum jemand scheint noch daran zu denken, was das Open-Source-Verbot für Europas wachsende Abhängigkeit bedeutet.
Januar 2028 – Bilanz
Sechzehn Monate nach Straßburg wird Caroline befördert und wechselt in ein anderes Team.
Die KI macht noch schnellere Fortschritte als 2026, genau wie es die Tech-CEOs vorhergesagt hatten. Agenten machen nun Tabellenkalkulation, entwerfen Software, bedienen Finanzanwendungen. Ein Modell erzeugt ein Bild, ein anderes öffnet Photoshop und klickt sich durch fünfzig Iterationen, bis die Komposition stimmt. In einer Vorführung beobachtet Caroline einen Agenten, der mit doppelter menschlicher Geschwindigkeit und ohne einen einzigen Fehltritt durch Unternehmenssoftware navigiert. Es ist verstörend, ihm dabei zuzusehen. Die führenden US-Labore sind drauf und dran, die KI-Forschung selbst zu automatisieren. Atlas ist an die Börse gegangen, seine Marktkapitalisierung erreicht vier Billionen Euro, und mittlerweile sind sich alle einig, dass KI das nächste große Ding ist.
Auch das Feld der Wettbewerber an der KI-Weltspitze hat sich gelichtet, eine Folge des explodierenden Kapitalbedarfs und der zunehmenden Schwungrad-Effekte in der KI-Forschung. Die amerikanischen KI-Unternehmen auf den Plätzen vier und fünf sind weiter zurückgefallen. Eines erwägt, seine Frontier-Forschung in einer Partnerschaft mit dem Marktführer aufgehen zu lassen, ein anderes hat nebenher einen Cloud-Dienst aufgebaut und versucht sich an eigenen KI-Chips.
Helios, das auf der europäischen Souveränitätswelle reitet, hat seine Position eindrucksvoll behauptet, rund eineinhalb Jahre hinter der amerikanischen Frontier. Es hat frische Milliarden bei neuen europäischen Investoren eingesammelt und seine Talente vom Abwandern abgehalten.
Relativ gesehen hat sich der Abstand nicht verändert, und das ist schon fast ein Sieg. Absolut gesehen aber sieht die Sache ganz anders aus. 2023 entsprachen achtzehn Monate einer ganzen Generation. Heute, wo die Fähigkeiten sich immer schneller verbessern und die Entwicklungszyklen immer kürzer werden, sind es gleich mehrere. Und KI-Systeme sind längst keine bloßen Chatbots mehr. Sie treiben ganze Forschungskampagnen für neue medizinische Wirkstoffe voran, automatisieren Mathematik und Cybersicherheit und erledigen einen Großteil der Arbeit vieler Angestellter.
Ein alter Freund von Caroline, Softwareentwickler bei einer französischen Privatkundenbank, erzählt ihr bei einem Glas Wein, dass sein Arbeitgeber auf KI-Souveränität setze. Atlas dürfe er nur eingeschränkt nutzen, nichts Wichtiges hochladen, nicht einmal die Spalten eines Datensatzes benennen. Helios sei erlaubt, aber schlechter. Also lässt er Atlas in der Praxis einfach auf seinem privaten Laptop laufen und kopiert die Dateien hinüber.
Das Muster wiederholt sich in den meisten großen europäischen Unternehmen. Jeder weiß, dass es passiert, aber keiner spricht es aus.
Und doch haben sich einige Brüsseler Politiker die Hoffnung bewahrt.
Die Frontier AI Initiative läuft auf Hochtouren. Frankreich und Deutschland stützen die gemeinnützige Organisation mit allem politischen Gewicht. Sie zahlen konkurrenzfähige Gehälter und konnten so ernstzunehmende Talente gewinnen, manche davon mit Erfahrung aus amerikanischen KI-Firmen. Eine ihrer Wetten gilt Weltmodellen, mit denen sich Roboter trainieren lassen. Diese Arbeit liefert vielversprechende Ergebnisse und erntet internationale Aufmerksamkeit.
Der EU-Haushalt 2028 gibt deutlich mehr Mittel für angewandte KI in der Wissenschaft frei. Im Fokus stehen Medizin, Materialwissenschaft und erneuerbare Energien, also Felder, auf denen Europa durchaus noch vorn liegen könnte. Die ersten Pilotprojekte zur Einführung von KI in anderen Bereichen zeigen nach einem holprigen Start endlich Wirkung. Ärzte arbeiten produktiver, Lehrer berichten von besseren Leistungen ihrer Schüler.
Auch die Warnungen vor einer Katastrophe auf dem Arbeitsmarkt haben sich noch nicht bewahrheitet. Selbst in Branchen, die KI stark nutzen, gehen kaum Arbeitsplätze verloren, und Arbeitskräfte, die KI-Systeme dirigieren können, etwa Berater, Anwälte, Softwareentwickler, Analysten und Designer, sehen ihre Produktivität und ihre Löhne steigen. Urteilsvermögen, Kundenbeziehungen und Verantwortung zählen mehr, seit die KI die Drecksarbeit übernimmt.
Ein europäischer Premierminister räumt in einem Interview ein, Europa sei spät gestartet, beharrt aber darauf, dass es jetzt aufhole und europäische KI einen neuen Produktivitätsboom auslöse. Caroline erzählt Christian davon, als sie nach Hause kommt.
Caroline: Vielleicht ist mein eigener Chef doch nicht so übel.
Christian: viel spass mit dem produktivitätsboom
Christian: das ist ein verzögerter indikator
Mai 2028 – Compute-Engpass
Die Welt schreit nun nach mehr Rechenleistung.
Bisher ließ sich jeder Engpass in der KI-Chip-Lieferkette umgehen. Als die Fabs knapp wurden, bauten TSMC und Samsung mehr. Als die US-Stromnetze keine weiteren Rechenzentren mehr verkrafteten, kauften die KI-Firmen mobile Gasmotoren und machten ihren Strom vor Ort selbst. Und als das High-Bandwidth-Memory knapp wurde, holte man sich die Kapazität einfach aus der Verbraucherelektronik. Prompt schossen die Smartphone-Preise in die Höhe, aber das war dann eben jemand anderes Problem. Doch dieser Engpass ist anders.
ASML, der niederländische Halbleiterriese, ist weltweit der einzige Hersteller der EUV-Maschinen, auf denen TSMC seine KI-Chips fertigt. Die Produktion ist von sechzig auf fünfundachtzig Maschinen im Jahr gestiegen. Eine echte Verbesserung, doch gegen die explodierende KI-Nachfrage völlig unzureichend. Mehr als 5.000 Zulieferer arbeiten ASML zu, und verfehlt auch nur einer von ihnen seine Ziele, gerät die ganze Kette ins Stocken. Die Technik ist so komplex, dass man einen Doktortitel und jahrelange Spezialerfahrung braucht, um auch nur eines der 100.000 Bauteile zu verbessern. Und solche Leute kann man nicht aus dem Nichts herbeizaubern.
Washington ist es ein Dorn im Auge, dass ASML noch immer einige seiner älteren Immersions-Lithografiemaschinen, von der Branche „DUVi” genannt, an ausgewählte chinesische Unternehmen exportiert, die damit Chinas etwas weniger fortgeschrittene KI-Chips herstellen.
Nachdem man sich beim Thema Open Source kurz einig gewesen war, haben sich die Beziehungen zwischen den USA und China im letzten Jahr wieder verschlechtert. Washington fürchtet, dass China es überholen wird, sobald es seine heimische Halbleiterindustrie fertiggestellt hat, denn China baut in atemberaubendem Tempo riesige Energiekapazitäten auf, während die amerikanische Stromerzeugung im Vergleich stagniert. Wird KI zu einem Wettlauf um die meisten Rechenzentren, gewinnt China auf lange Sicht. Peking wiederum sorgt sich, dass Washington einen uneinholbaren militärischen KI-Vorsprung erlangt, bevor Chinas Halbleiter-Ökosystem ausgereift ist, und ihn dann nutzt, um geopolitische Zugeständnisse zu erzwingen. Dass einige amerikanische KI-CEOs offen davon reden, mit militärischer KI autokratische Regime zu „demokratisieren”, trägt zur Beruhigung in Peking nicht gerade bei.
Washington ist klar geworden, dass nur wenig Zeit zum Handeln bleibt. Sein KI-Vorsprung beruht größtenteils auf umfassenden Exportkontrollen, die vor Jahren für niederländische EUV-Maschinen und amerikanische KI-Chips erlassen wurden. Jetzt erhöht es den Druck und drängt Den Haag, ASMLs verbleibende Exporte und die Wartung der DUVi-Maschinen zu stoppen. Das ist eine massive Eskalation, denn China stellt mit denselben Maschinen Chips für Alltagsgeräte wie Smartphones und Laptops her.
Die Niederländer sträuben sich und suchen Rückhalt bei anderen EU-Staaten. Sie verstehen Washingtons Argument, wollen sich aber nicht herumkommandieren lassen, und sich schon gar nicht von einer Regierung in einen Konflikt ziehen lassen, die zwei Jahre lang nichts anderes getan hat, als Europa zu schikanieren.
Die Kommission unterstützt die Niederländer. Doch mehrere Mitgliedstaaten fürchten amerikanische Vergeltung, sollte Europa die Maschinen weiter exportieren, und so zerfällt Europas gemeinsame Position, ehe sie überhaupt zustande kommt.
Die Niederländer fühlen sich verraten. Sie suchen den Schulterschluss mit Japan und Südkorea, die in der Hardware-Lieferkette ähnlich wichtig sind und ebenfalls unter amerikanischem Druck stehen. Doch beide Hauptstädte hängen zu sehr an der amerikanischen Militärhilfe und haben, rein zufällig, in den zwei Wochen zuvor Besuch von hochrangigen US-Beamten bekommen. Sie sind höflich nicht verfügbar.
Als die Niederländer standhaft bleiben, droht Washington. Es kann die Foreign Direct Product Rule geltend machen, eine Regel, mit der es sich für jedes Produkt auf der Welt für zuständig erklären kann, das mit amerikanischer Technologie oder Software hergestellt wurde, von wem und wo auch immer. Es ist dasselbe Instrument, mit dem Washington 2020 Huawei stranguliert hat. Auf ASMLs Maschinen trifft das gleich mehrfach zu. Verkauft das Unternehmen auch nur eine weitere DUVi an China, verstößt es gegen amerikanisches Recht und müsste mit lähmenden Strafen rechnen, vom Entzug der Exportlizenzen über zivilrechtliche Bußen bis hin zur persönlichen Haftung einzelner Führungskräfte, zumindest in der Theorie. Das würde auch den USA schaden, die selbst auf ASMLs Maschinen angewiesen sind. Aber ASML kann es sich nicht leisten zu testen, ob Washington blufft. Die Niederländer geben nach.
In Brüssel liest Caroline die Nachricht zwischen zwei Meetings auf ihrem Handy. Sie denkt an ihr Memo von 2026, in dem sie schrieb, Europa müsse sich Druckmittel verschaffen. Und sie denkt an das freundliche Gesicht ihres Direktors, als er sagte, es sei ein durchdachter Beitrag.
Christian: das ist der warnschuss
Christian: sag mir, dass sie es als solchen behandeln
Caroline: Meine direkten Kollegen schon
Caroline: Andere nennen es einen Rückschlag.
Christian: ok
Christian: notiert
Caroline: Ich meine, ich verstehe, warum die USA es getan haben
Caroline: Aber wir haben nicht mal eine einzige Sache als Gegenleistung ausgehandelt.
Christian: das ist echt fucked up
August 2028 – Die Stunde schlägt
KI-Modelle denken nicht mehr in Englisch.
Bisher schrieben sie ihre Gedanken auf einen digitalen Notizblock, ein für Menschen lesbares System, das seit Anfang 2025 in Gebrauch war. Jetzt durchlaufen die neuen Systeme stattdessen lange Zahlenkolonnen, sogenannte hochdimensionale Vektoren, die niemand richtig deuten kann, nicht einmal andere KI-Modelle. Weil sie ihre komplexen Gedanken nicht länger ins Englische übersetzen müssen, denken sie schneller und tiefer. Das lässt Intelligenz und Fähigkeiten sprunghaft ansteigen.
Sicherheitsforscher, die die Entwicklung verfolgen, sind alarmiert, denn viele ihrer Methoden, die Modelle zu kontrollieren, beruhten direkt darauf, diese Notizblöcke lesen zu können. Woher sollen wir wissen, dass die Modelle nicht insgeheim eigene Ziele verfolgen? Wie sollen wir beunruhigendes Verhalten erkennen, wenn wir ihre Gedanken nicht mehr lesen können? In Brüssel fordern Experten, das EU AI Office solle die Entwickler zwingen, zu notizblockbasierten Systemen zurückzukehren oder anders nachzuweisen, dass sie verstehen, was in ihren Modellen vorgeht. Doch das AI Office steckt schon in hitzigen Verfahren gegen zwei amerikanische Entwickler, und die transatlantischen Beziehungen vertragen keine weitere Belastung.
Die meisten Menschen aber spüren vor allem die unmittelbaren Auswirkungen auf die Fähigkeiten der Modelle. Modelle, die mehrtägige Forschungsprojekte bisher nicht zuverlässig zu Ende brachten, schaffen das jetzt. In den USA machen Arbeitgeber, die sich mit Stellenstreichungen zurückgehalten hatten, nun Ernst. Berufseinsteiger finden weiter kaum eine Stelle, und die Arbeitslosigkeit steigt immer schneller.
Europa erlebt weniger Druck am Arbeitsmarkt, aber auch weniger Wachstum. Seine Wirtschaft wächst um 1,6%, die der USA um 3,8%. Die Lücke ist unübersehbar, und die meisten führen sie auf Unterschiede in der KI-Wertschöpfung zurück. Europa hat Zugang zu weitgehend denselben Modellen, holt daraus aber nicht denselben wirtschaftlichen Nutzen. Dafür gibt es drei Gründe.
Der erste ist die Eigentumsstruktur des KI-Kapitals. Die KI-Unternehmen und Infrastrukturanbieter mit den explodierenden Umsätzen sitzen alle in den USA. Europäische KI-Start-ups gibt es zwar, doch die großen Finanzierungsrunden kommen aus amerikanischem Risikokapital, und die am schnellsten wachsenden wandern zunehmend ins Ausland ab.
Der zweite sind Unterschiede im Ausmaß der KI-Anwendung. Trotz der europäischen Pilotprojekte zur KI-Adoption haben amerikanische Firmen Frontier-KI viel entschlossener in ihre Arbeitsabläufe eingebaut. Manche europäischen Unternehmen bremsten fragmentierte Regeln aus, andere eine risikoscheue Managementkultur oder interne Vorgaben, die zur Nutzung minderwertiger Eigenlösungen zwingen. Eine Mailänder Anwaltskanzlei, die einst Spitzenhonorare für ihr Expertise im italienischen Handelsrecht verlangte, konkurriert nun mit einer US-Kanzlei, deren KI italienisches, französisches und deutsches Recht gleichzeitig bearbeitet, schneller und billiger. Die Anwälte der italienischen Kanzlei dagegen haben nach wie vor keinen Zugang zu Frontier-Modellen. Dasselbe Muster wiederholt sich in Beratung, Software, Marketing und Finanzwesen.
Der dritte ist, was mit den Firmen geschieht, die KI tatsächlich erfolgreich einführen. Viele mittelgroße amerikanische Unternehmen bauen sich binnen Monaten rund um KI um, mit flacheren Hierarchien, kleineren Teams, schnelleren Zyklen, während europäische dafür viel länger brauchen. So bremsen manche Betriebsräte den weitläufigen Einsatz leistungsstarker KI-Werkzeuge und der Kündigungsschutz macht es schwer, Leute zu entlassen, deren Arbeit sich automatisieren lässt und die anderswo am Arbeitsmarkt fehlen. Während einige Beschäftigte mithilfe von KI produktiver werden, geht eine kleine, aber wachsende Zahl europäischer Angestellter einer Art Pseudoarbeit nach. Sie loggen sich ein, sitzen Meetings ab, aber lassen den Großteil der Arbeit von Agenten erledigen, in einem Bruchteil der Zeit. Das hat durchaus seine guten Seiten, es gibt mehr Zeit für die Familie, lange Mittagessen, sowie Nachmittagsspaziergänge. Die Kehrseite ist, dass die Firmen doppelt zahlen, für die KI und für unproduktive Mitarbeiter. Somit bleibt wertvolles Kapital im Erhalt der bestehenden Belegschaft gebunden.
All das trifft Europa zu einer Zeit, in der seine Wirtschaft ohnehin schon kämpft. Zentrale Industriezweige wandern zunehmend ab, und die einst gefeierten Automobilhersteller trifft es mit am härtesten. Nachdem sie den Boom der E-Autos verpasst haben, stehen sie unter massivem Druck durch billigere und bessere chinesische Wagen. Millionen Arbeiter blicken in eine ungewisse Zukunft.
Und nun bröckelt auch die europäische Steuerbasis. Geld, das früher in Löhne und Gehälter floss, fließt zunehmend an amerikanische Unternehmen und ihre Investoren, vieles davon über Niedrigsteuerländer geschleust, an die die europäischen Finanzministerien nicht herankommen. Gleichzeitig steigen überall auf dem Kontinent die Arbeitslosenanträge, nicht dramatisch, aber die US-Zahlen zeigen, wohin die Reise geht. Und der KI-Boom treibt die globalen Zinsen nach oben, sodass Länder wie Frankreich einen immer größeren Teil ihres Haushalts für den Schuldendienst aufbringen müssen.
Caroline: Ich glaube jetzt versteh ich dich endlich.
Caroline: Das einzige echte Mittel gegen Europas Abwärtsspirale ist Wachstum.
Caroline: Aber das findet in den USA statt.
Christian: richtig
Caroline: Ich bin gerade einer alten Studienkollegin begegnet
Caroline: Sie arbeitet 3 Stunden am Tag
Caroline: Lässt ihre Agenten den Rest machen
Caroline: Anscheinend hat sie mit dem Gärtnern angefangen.
Christian: gut für sie
November 2028 – Vox populi
Es ist Wahltag in den USA. Die Welt hält, wie immer, den Atem an.
KI war das beherrschende Thema des Wahlkampfs, aber nicht so, wie es sich die Branche erhofft hatte. Mittlerweile wollen die meisten Amerikaner wenig mit KI zu tun haben. Klimaschützer sorgen sich um den Energieverbrauch der Rechenzentren, Gewerkschaften um die Arbeitsplätze, Lehrer wollen die KI aus den Klassenzimmern, Anwälte aus den Gerichtssälen.
In den Vorwahlen traten Populisten von links und rechts mit ausgesprochen KI-feindlichen Wahlprogrammen an und forderten Moratorien für Rechenzentren, mehr Arbeitnehmerschutz, ein Verbot von KI in Schulen und Altersgrenzen. Die eigentliche Wahl brachte dann gemäßigtere Kandidaten hervor, auch weil die enge Verbindung zur Industrie die Wahlkämpfe mitfinanzierte. Doch die Stimmung verflog nicht. Die Menschen sind wütend.
KI-feindliche Haltungen ziehen sich durch das gesamte politische Spektrum, aber sie bringen die Menschen nicht zusammen. Neue Bruchlinien sind entstanden, nicht nur zwischen Demokraten und Republikanern, sondern zwischen den Eliten, die KI nutzen, und einer Mittelschicht, die sie beängstigend, entmenschlichend oder unmoralisch findet und in Echtzeit zusieht, wie die Ungleichheit wächst. Immer mehr Menschen gehen auf die Straße, auf mehrere Tech-CEOs wurden Anschläge verübt, und vor Kurzem wurde ein Rechenzentrum in Brand gesetzt. Doch die US-Regierung kann nicht gegen KI durchgreifen, denn der neue Präsident ist, genau wie der letzte, überzeugt, dass die USA das KI-Rennen gegen China gewinnen müssen, sonst drohten untragbare Risiken für die nationale Sicherheit. Statt dem nachzukommen, was die Öffentlichkeit will, verteilt er also nur ein paar Pflaster, um sie zu beruhigen.
Die KI-feindliche Stimmung greift auch auf Europa über. Die Menschen sind wütend auf die US-Tech-Konzerne und verlangen, dass die Regierungen handeln. Sie fordern stärkere soziale Sicherungsnetze, ohne zu sehen, dass Europa sich kaum die Netze leisten kann, die es schon hat.
Unterdessen fallen Europas KI-Unternehmen weiter zurück.
Die Lücke zwischen Helios und Atlas ist trotz aller öffentlichen Investitionen, Compute-Subventionen und bevorzugten Beschaffungsverträge weiter gewachsen. Amerikanische Firmen, angetrieben von Schwärmen interner KI-Agenten, die den Großteil ihres Codes selbst schreiben, kommen algorithmisch mehr als doppelt so schnell voran wie mit rein menschlichen Teams. Nur die Rechenleistung bremst sie noch, und Atlas verfügt über mehr davon als je ein Akteur in der Geschichte. Bei Helios dagegen, mit einem Bruchteil der Rechenleistung und ohne Zugang zu den besten US-Modellen für die eigene Arbeit, ist von diesem Effekt kaum etwas zu spüren. Und Monat für Monat wächst die Lücke.
Die öffentlichen Anstrengungen bringen öffentliche Güter hervor, stärken aber die europäische Souveränität kaum. Die Frontier AI Initiative hat bei der Interpretierbarkeit eindrucksvolle Fortschritte gemacht, was der Verlässlichkeit von KI weltweit zugutekommt. Doch ihr Weltmodell-Programm wurde weggeschnappt. Sobald die Ergebnisse besser wurden, wurde Atlas darauf aufmerksam, zog rasch ein eigenes Team hoch und warb vier der besten Forscher der Initiative ab, im Tausch gegen astronomische Compute-Budgets. Sie hätten gern bleiben wollen, sagen sie den Kollegen beim Abschied, sie hätten an das europäische Projekt geglaubt und helfen wollen. Aber irgendwann reicht der Glaube allein nicht mehr.
Die Öffentlichkeit sieht, dass die große KI-Strategie der EU scheitert. Die Investitionen haben es Champions wie Helios nicht ermöglicht aufzuholen, und die Maßnahmen nach dem DSA haben nicht für Fairplay gesorgt. Das sichtbarste Ergebnis letzterem war es, die Amerikaner zu verärgern und die transatlantische Beziehung weiter zu verschlechtern.
Doch Europa hat enormes politisches Kapital in das Projekt gesteckt, und jede Menge echtes Geld dazu. Ein Scheitern zuzugeben hieße zuzugeben, dass es zwei Jahre und zig Milliarden Euro in eine Sackgasse gesteckt hat. Also erhöht es den Einsatz.
Die Europäische Kommission kündigt einen neuen 20-Milliarden-Euro-Fonds an, den European AI Sovereignty Fund, der auf Photonik, Edge-KI und andere „Next-Wave”-Paradigmen setzt. Das ist offensichtlich ein Schuss ins Blaue. Dieselben Institutionen, die es schon zuvor nicht geschafft hatten, Geld in Spitzentechnologie zu verwandeln, sollen es nun erneut versuchen – mit einem schwierigeren Ziel und weniger Zeit. Es sei, so sagt ein polnischer Europaabgeordneter bei einem Brüsseler Empfang zu Caroline, der erste bekannte Fall, in dem jemand seinen Einsatz erhöht, ohne eine einzige Karte auf der Hand zu haben.
Risse zeigen sich. In Deutschland führt eine populistische Partei die Umfragen für die kommende Bundestagswahl an, mit einem ausdrücklich KI-feindlichen Programm unter dem Motto „Stoppt die Maschinen, rettet deutsche Arbeitsplätze”. Und in Italien, wo euroskeptische Regierungen seit einem halben Jahrzehnt die Norm sind, werben populistische Parteien offen für ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft.
In Paris reißt der Geduldsfaden. Der Élysée glaubt nicht mehr, dass der EU-Plan rechtzeitig liefert, und Helios, der einzige verbliebene ernstzunehmende europäische LLM-Akteur, ist vielleicht nur noch Monate davon entfernt, endgültig ausgestochen zu werden. Nach intensiven Verhandlungen kündigt Frankreich eine staatliche Investition von 15 Milliarden Euro in Helios an, für einen Anteil von 17 Prozent, einen Sitz im Aufsichtsrat und ein Vetorecht bei künftigen Finanzierungsrunden.
Christian: frankreich hat gerade eine leiche gekauft
Caroline: Das ist nicht fair
Caroline: Diese Leute versuchen wenigstens, etwas zu tun.
Christian: ändert nichts an den fakten.
Januar 2029 – Träume von einer Roboterarmee
Chinas KI-Strategie ähnelt der europäischen, mit einem entscheidenden Unterschied. Sie scheint zu funktionieren. Wie Brüssel stützt Peking seine vielversprechendsten Unternehmen, schützt die Branche mit Subventionen und Beschaffungsvorgaben und drängt auf rasche Verbreitung. Doch ein zentralisierter, autoritärer Staat setzt seinen Willen leichter durch als siebenundzwanzig zerstrittene Mitgliedstaaten in einer liberalen Demokratie. Als sich Chinas Rechenleistung auf zu viele Labore verteilte, befahl die Kommunistische Partei diesen Laboren einfach, ihre Ressourcen zu bündeln. Die Europäische Kommission hat keine solchen Befugnisse. Chinas Talentpool ist größer, und das Land hat Zugang zu billiger, reichlich vorhandener Energie. So liegen die chinesischen Frontier-Firmen nur etwa ein Jahr hinter den USA.
Entscheidend ist, dass China gar nicht glaubt, seine Strategie hänge davon ab, ganz an der Spitze der kognitiven KI zu stehen. Die Regierung wollte schon immer, dass KI zuerst die physische Wirtschaft ankurbelt, und sie hat einen riesigen Vorsprung bei der Roboterherstellung. Massive staatliche Subventionen haben die Produktion humanoider Roboter auf über eine Million Einheiten pro Jahr getrieben, und ein Haushaltsroboter ist inzwischen für 10.000 Euro zu haben. In Städten wie Shenzhen gehört es längst zum Alltag, dass Humanoide Straßen kehren und vierbeinige Roboter Pakete ausliefern. Peking setzt darauf, Silicon Valley in der KI nur dicht auf den Fersen bleiben zu müssen, damit sich sein industrieller Vorsprung auszahlt, sobald mehr Fähigkeiten für die Robotik entstehen.
Die Wette scheint aufzugehen, und in den USA wächst die Sorge. Amerikanische Politiker nennen das KI-Rennen mit China inzwischen den zweiten Kalten Krieg. Die Spannungen sind weiter gestiegen, seit die USA ASML zwangen, die Exporte nach China zu stoppen. Beide Seiten haben seitdem die Sicherheitsvorkehrungen rund um ihre KI-Entwicklung verschärft. In den USA werden Forscher nachrichtendienstlich überprüft und brauchen eine Sicherheitsfreigabe, um an Frontier-Modellgewichte zu kommen. Die Regierung wirft China regelmäßig vor, algorithmische Geheimnisse zu stehlen. China wiederum hat Zimo teilverstaatlicht und treibt seine KI-Bemühungen mit ganzer Kraft voran. Als nahe einem großen Zimo-Rechenzentrum ein Teil des chinesischen Stromnetzes ausfällt, kursieren Gerüchte, dahinter stecke ein von den USA unterstützter, KI-gesteuerter Cyberangriff.
Christian: bin in shenzhen.
Christian: ein roboter mit matrosenmütze hat mir gerade einen negroni gemacht
Christian: sie produzieren hier roboter wie büroklammern
Caroline: War der Negroni gut?
Christian: ja. ausgezeichnet
April 2029 – Access all areas
Die Nachfrage nach KI steigt steil, und das Compute-Angebot kommt nicht hinterher. Die KI-Firmen rationieren den Zugang zu ihren Frontier-Modellen und ziehen die Preise an. Unternehmen schreien nach Tokens.
Amerikanische Firmen betreiben 70 Prozent der weltweiten KI-Rechenleistung und verkaufen ihre Dienste in aller Welt. Das heißt, amerikanische Infrastruktur macht ausländische Unternehmen produktiver und ausländische Militärs schlagkräftiger. Teilweise geschieht das über illegale Distillationsangriffe und nicht über legale Verkäufe. Washington macht sich darüber von Tag zu Tag mehr Sorgen.
Die amerikanische national security review ist inzwischen formell geregelt und gibt nicht länger vor, freiwillig zu sein. Der Zugang zu den leistungsfähigsten Modellen ist von vornherein gedrosselt, auch um Rechenleistung für amerikanische Kunden freizuhalten. Die eigenen Behörden kommen zuerst dran, verbündete Regierungen als Nächstes, gegnerische Staaten gar nicht.
Doch der Zugang zu den Modellen und ihren Gewichten ist das eine. Weil Compute knapp ist, ist auch die Inferenz Mangelware, und im April reicht es Washington. Es beschränkt nicht mehr nur den Zugang, sondern rationiert auch die Nutzung, selbst bei befreundeten Staaten.
Die Frontier Inference Services Rule (FISR) ist ein länderbasiertes Lizenzregime. Tier-1-Länder - enge Verbündete wie die anglophonen „Five Eyes”-Geheimdienstnationen sowie Japan, Südkorea, Taiwan und die Niederlande - erhalten uneingeschränkten kommerziellen Zugang und müssen nur wenig berichten. Tier-3-Ländern, also feindlichen Staaten wie Iran, Russland und China, wird von vornherein jeder Zugang verwehrt. Der Großteil Europas gehört zu den rund 100 Tier-2-Ländern. FISR schreibt vor, dass insgesamt nicht mehr als 25 Prozent der Frontier-Inferenz eines Anbieters an Tier-2-Kunden gehen dürfe. Jede einzelne Lizenz wird dabei anhand einer Reihe von Kriterien geprüft, darunter die „Übereinstimmung mit den nationalen Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten”.
Für Brüssel ist das eine schlechte Nachricht. Europäische Kunden machen derzeit allein fast ein Viertel der US-Frontier-Inferenz aus. Diese Menge fair auf rund achtzig weitere Länder zu verteilen, würde die europäischen Zuteilung etwa halbieren. Binnen einer Woche bekommen europäische Geschäftskunden ohne langfristige Verträge Schreiben ihrer Anbieter, die Mengen kürzen und Preise anheben. Den Anbieter wechseln können sie nicht, denn für jeden US-Anbieter gelten dieselben Beschränkungen.
Europa ist von amerikanischer KI abhängig, doch umgekehrt sind die USA nicht von Europa abhängig. Compute ist inzwischen so knapp, dass der Verlust europäischer Kunden kaum auf die Bilanz der KI-Firmen durchschlägt. Ihre Kapazitäten waren ohnehin ausgereizt, also können sie die Inferenz, die sie nicht mehr nach Europa verkaufen, einfach an die aufgestaute amerikanische Nachfrage umleiten oder gleich für die eigene Forschung nutzen. Atlas und seine Konkurrenten drängen das Weiße Haus hinter den Kulissen, seine Politik etwas aufzuweichen. Die Beschränkungen drohten künftige Märkte zu entfremden und seien obendrein furchtbare PR. Öffentlich aber äußern sie ihre Bedenken nicht, denn je strenger die Sicherheitsauflagen rund um KI werden, desto wichtiger werden gute Beziehungen zur US-Regierung. Außerdem konzentrieren sie sich darauf, das Rennen um die Fähigkeiten zu gewinnen und die Kontrolle über KI-Systeme zu behalten, die rasch klüger werden als die Menschen, die sie betreiben. So bleibt der Druck auf Washington gering.
In Brüssel wird eine Notsitzung des Europäischen Rates einberufen. Französische und deutsche Minister reisen nach Washington, um eine Tier-1-Einstufung zu fordern. Man teilt ihnen mit, Tier 2 spiegle „den derzeitigen Stand der bilateralen Beziehungen” besser wider.
Caroline liest die Zusammenfassung in der Metro auf dem Heimweg. Sie hatte immer gewusst, dass dieser Moment kommen würde, und doch trifft er sie wie ein Gewicht, das plötzlich fällt.
Caroline: Sie verstehen es jetzt. Es ist nur zu spät.
Christian: ja
Christian: hatte ich schon befürchtet
Christian: wie lange, bis komplett den zugang kappen?
Caroline: Daran hatte ich auch gedacht.
Mai 2029 – Kippunkt
Eine Woche nach Inkrafttreten der Inferenz-Obergrenze stehen in den europäischen Hauptstädten die Telefone nicht still, während panische Unternehmen versuchen, das Unvermeidliche hinauszuzögern. Der Chef eines französischen Versorgers ruft im Élysée an und warnt, seine Cybersicherheitsteams verlören bereits Boden gegen KI-gestützte Angriffe, und eine Halbierung des Zugangs zu amerikanischen Frontier-Modellen würde kritische Infrastruktur gefährlich ungeschützt lassen.
Der Chef eines dänischen Logistikriesen sagt dem dänischen Ministerpräsidenten, jahrelange Optimierung habe das Unternehmen von US-Systemen abhängig gemacht, die sich nun nicht leicht ersetzen ließen, und das gesamte Geschäftsmodell stehe auf dem Spiel. Eine deutsche Delegation kleinerer Unternehmen warnt das Kanzleramt, allein die Preissteigerungen würden Tausende kleiner Firmen davon abhalten, Frontier-KI überhaupt zu nutzen.
Europäische Unternehmen, die klug genug waren, ihre Souveränitätsauflagen für KI aufzuschieben oder zurückzunehmen, haben jahrelang ihre Abläufe rund um Frontier-Agenten aufgebaut. Und jetzt droht man, ihnen genau diese Agenten unter den Füßen wegzuziehen. Die europäischen Alternativen liegen fast zwei Jahre zurück, und die chinesischen kommen für niemanden mit einer Compliance-Abteilung ernsthaft infrage.
In Brüssel behauptet nun niemand mehr, KI sei überhypt. Das Wort „Blase” hat Caroline seit Monaten nicht mehr gehört. Ihr Direktor, der einst sagte, sie übertreibe, verbringt seine Tage nun am Telefon mit den nationalen Hauptstädten und sortiert, was sich noch retten lässt. Er kommt an einem Dienstagnachmittag mit zwei Kaffees an ihrem Schreibtisch vorbei, reicht ihr einen, und sie trinken, ohne viel zu reden. Das ist, wird ihr klar, so nah an einer Entschuldigung, wie es bei ihm eben geht.
Inzwischen versteht jeder das Problem. Doch es zu verstehen ist eine Sache, es beheben zu können eine ganz andere. Die Nachfrage nach den Helios-Modellen ist weit über die Kapazität des Unternehmens hinausgeschossen. Die Gigafabriken sind endlich im Bau, gehen aber erst nächstes Jahr ans Netz und werden selbst dann nur einen kleinen Bruchteil dessen liefern, was nötig wäre, um die Lücke zu schließen.
Christian: weisst du, was das lustige ist
Christian: frankreich wird mit der helios-investition ein vermögen machen
Christian: die nachfrage geht durch die decke
Caroline: 3D Schach auf höchstem Niveau
Die europäische Wirtschaft wird stranguliert. Nach einer Reihe angespannter Telefonate mit Washington beschließen die europäischen Staats- und Regierungschefs, dass etwas Drastisches geschehen muss. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte eröffnet die Kommission ein förmliches Prüfverfahren nach dem Anti-Coercion Instrument, der Handelsbazooka, wie die Brüsseler Presse es seit Jahren nennt, aus einer Zeit, als es noch ein reines Abschreckungsmittel war, von dem niemand ernsthaft erwartete, dass es jemals losgehen würde.
Nach vier Monaten Prüfung lautet das Ergebnis, dass FISR wirtschaftlicher Zwang ist. Doch die Prüfung fördert auch eine unbequeme Erkenntnis zutage. Die naheliegende Vergeltung wäre selbstzerstörerisch. Zölle auf US-Cloud- und Digitaldienste würden die Frontier-Inferenz noch teurer machen, um die europäische Unternehmen ohnehin schon ringen. Und amerikanische Anbieter von der öffentlichen Beschaffung auszuschließen, eine Drohung, die vor einem Jahrzehnt noch gesessen hätte, läuft ins Leere, denn die Digital Sovereignty Regulation wird genau das ohnehin schon tun.
Also greift man zu den weniger naheliegenden Werkzeugen des Instruments. Man setzt den Schutz des geistigen Eigentums aus, den US-Labore im EU-Binnenmarkt genießen, und überprüft amerikanische Übernahmen europäischer Firmen oder blockiert sie ganz. Diese Maßnahmen sind so austariert, dass sie Washingtons Exporteure treffen, ohne Europas eigene Compute-Budgets anzutasten.
Die Maßnahme, die am meisten wehtun würde, zielt auf die Lithografie-Lieferkette. Sie würde ASMLs Exporte und Wartung für amerikanische Fabs in Arizona beschränken. Sie ist allerdings auch die nukleare Option und würde eine Gegenreaktion provozieren, die sich Europa womöglich nicht leisten kann.
Als es zur Abstimmung kommt, verfehlt sie die erforderliche qualifizierte Mehrheit. Die Niederlande und Irland stimmen mit Verweis auf die transatlantischen Beziehungen dagegen. Polen und die baltischen Staaten tun aus Sorge vor Russland dasselbe. Italien enthält sich. Vor laufender Kamera sagt ein hochrangiger Kommissionsbeamter den Reportern, das Ergebnis spiegle „unterschiedliche nationale Einschätzungen des strategischen Umfelds” wider. Hinter vorgehaltener Hand sagt ein französischer Beamter denselben Reportern, die Delegierten hätten zu viel Angst vor Washington, um die Waffe einzusetzen, die sie ein Jahrzehnt lang gebaut hätten.
Caroline verbringt den größten Teil des Sommers in Krisensitzungen. Dieselben Leute, die ihr vor ein paar Jahren sagten, alles werde gut, fragen sie jetzt, ob sich noch irgendetwas tun lasse. Sie sagt ihnen, das Fenster für sinnvolles Handeln habe sich irgendwann zwischen 2025 und 2027 geschlossen. Alles, was jetzt bleibt, ist Schadensbegrenzung.
Februar 2030 – Arbeitsmarkt-Schock
Europas Flitterwochen der Pseudoarbeit, in denen die Leute im Garten werkelten, während ihre Agenten die Arbeit erledigten und die Firmen sie nicht entlassen durften, gehen zu Ende.
Europäische Firmen, die weiterhin eine volle menschliche Belegschaft bezahlen, können mit ihren schlankeren amerikanischen Konkurrenten nicht mithalten, zumal sie an schlechtere Modelle und an knappere, teurere Inferenz gebunden sind. Der Schock trifft zuerst die Branchen, die der KI am stärksten ausgesetzt sind. Softwarefirmen ziehen den Kürzeren, weil US-Firmen schneller liefern, zu einem Bruchteil der Kosten. Und mittelständische Beratungen merken, dass Frontier-Modelle ihre Ratschläge mühelos vorwegnehmen und ihnen kaum noch etwas hinzuzufügen bleibt.
Hinzu kommt, dass die KI-Systeme einfach immer besser werden. Kontinuierliches Lernen galt oft als die letzte Hürde auf dem Weg zur echten Automatisierung kognitiver Arbeit, denn Menschen bauen im Lauf einer Karriere Kontext, Urteilsvermögen und implizites Wissen auf, während KI-Systeme jedes neue Gespräch mit denselben eingefrorenen Gewichten begannen. Lange Kontextfenster und externer Speicher schlossen die Lücke zum Teil, doch im laufenden Einsatz lernte das Modell nie wirklich etwas Neues dazu.
Das hat sich inzwischen geändert. Wenn das neueste Modell von Atlas sechs Wochen in einer Beratungsfirma verbringt, fängt es an, so zu schreiben, wie diese Firma schreibt. Es lernt, wer wem nachgibt, welche Klienten schlechte Nachrichten schlecht aufnehmen und welche Senior-Mitarbeiter einen Ruf haben, auf den man sich stützen kann. Das klappt nicht perfekt, aber Fehlschläge sind selten und der Preis dafür lohnt sich. Und kognitive Jobs, die einst als sicher galten, weil sie auf kontextsensitivem Urteilsvermögen oder institutionellem, nicht greifbarem Wissen beruhten, sind nun gefährdet.
Nur wenige Menschen werden direkt wegen KI entlassen. Das Problem ist, dass Firmen im Krisenmodus keine neuen Stellen schaffen. Der Arbeitsmarkt für Absolventen ist der schlechteste seit Menschengedenken. Anwaltskanzleien, Finanzfirmen und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften haben ihre Neueinstellungen ausgesetzt oder zurückgefahren, all jene also, die sich die Frontier-Tarife noch leisten können oder klug genug waren, früh einen langfristigen Vertrag zu unterschreiben.
Carolines jüngerer Bruder hat im vergangenen Sommer einen Master in Logistikmanagement abgeschlossen und sucht seitdem Arbeit. Einmal im Monat treffen sie sich in Paris zum Abendessen, sie zahlt, und er fragt sie, ob er sich umschulen lassen sollte. Sie weiß nicht, was sie ihm sagen soll. Der Pflegekräftemangel ist real, aber er kann kein Blut sehen, und fürs Handwerk ist er nicht gemacht. Er nickt und bestellt noch ein Bier, und sie lässt ihn das Thema wechseln.
Politiker, die ihre Karriere auf KI-feindlichen Programmen aufgebaut haben, sehen sich bestätigt, während die, die sich abgesichert hatten, hektisch zurückrudern. Straßenproteste werden in den europäischen Hauptstädten zur Routine. Die einen verlangen Arbeitnehmerschutz, andere ein Verbot amerikanischer KI, wieder andere ein Verbot jeglicher KI, und alle wollen, dass irgendwer in irgendeinem Gebäude irgendwo irgendetwas tut.
Europäische Nachrichtendienste melden seit über einem Jahr koordinierte Desinformationskampagnen, die sich gezielt an ein europäisches Publikum richten. Die Narrative sind auf lokale Ängste zugeschnitten. Amerikanische Technologie höhle den Kontinent aus, Washington behandle Europa wie einen Vasallen, die transatlantische Beziehung sei eine Einbahnstraße. Nichts davon ist völlig falsch. Den Haag und Berlin veröffentlichen Berichte, die als Urheber Peking benennen, doch die Öffentlichkeit teilt die dahinterstehende Stimmung ohnehin, ganz gleich, wer sie schürt, und kümmert sich wenig darum.
Christian: wie gehts europa
Caroline: Die Leute sind wütend, verständlicherweise
Christian: hier ist es auch nicht so toll
Christian: letzte woche wurde noch ein datacenter mit brandsätzen beworfen
Caroline: Ich habs gesehen.
Christian: alle haben das gefühl, zu verlieren
Christian: ausser den labs
Juni 2030 – Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann
China führt in der Robotik. Doch nun geht auch Atlas aufs Ganze.
Atlas kündigt an, hunderte Milliarden für Industriedaten und Fertigungskapazität auszugeben, um Roboter in ähnlichem Maßstab wie China zu bauen. Sein CEO erklärt die Logik dahinter. Amerika führt noch bei der KI-Software, und mithilfe seines neuen Weltmodell-Teams hat es die letzten Software-Probleme geknackt, die der Allzweckrobotik im Weg standen. Doch physische Lieferketten brauchen Jahre, bis sie stehen, und wenn Atlas vor den Konkurrenten dort ankommt, wird sich der Vorsprung selbst verstärken. Bald bauen Roboter die Fabriken, die die Roboter bauen, genauso wie die KIs den Code schreiben, der die KIs verbessert.
Und bis Atlas zu China aufgeschlossen hat, ist noch einiges zu tun. In den USA dauert der Bau einer neuen Roboterfabrik zwei Jahre, in China nur sieben Monate. Ein Jahrzehnt, in dem die Rechenzentren immer weiter hochskaliert wurden, hat die USA an die Grenzen ihrer Energieversorgung gebracht und das amerikanische Volk gegen alles verbittert, was mit KI zu tun hat. Neue Werke stoßen auf örtlichen Widerstand, und Politiker auf Bundesstaatsebene stellen sich auf die Seite ihrer Wähler. Die Wirtschaft wächst unbestreitbar rasch, doch Infrastruktur, Ungleichheit und öffentliche Meinung setzen ihr Grenzen.
Also entscheidet der CEO, dass der schnellste Weg nach vorn nicht im Bauen liegt, sondern im Kaufen, also darin, bestehende Fabriken umzurüsten. Mit Rückendeckung befreundeter Investmentfonds geht er auf Einkaufstour und sucht Industrieunternehmen mit brauchbaren Hallenflächen, die sich auf die Produktion von Rad-Robotern, Vierbeinern und Humanoiden umstellen lassen.
Europas Autohersteller stehen weit oben auf der Liste. Nach Jahren chinesischer Konkurrenz steht Deutschlands größter Hersteller kurz vor der Insolvenz. Seine Marktkapitalisierung ist um 80 Prozent gefallen, von ihrem Höchststand vor dem E-Auto-Boom auf 18 Milliarden Euro, was für Atlas, inzwischen 13 Billionen Dollar wert, Kleingeld ist. Aber der Hersteller ist trotzdem attraktiv, denn das deutsche Arbeitsrecht hat ihn gezwungen, seine inzwischen unnötig große Belegschaft zu behalten. Deren Löhne kann er nicht mehr zahlen, und die Aktionäre suchen seit zwei Jahren aktiv nach einem Ausstieg. Für ein Unternehmen, das eine Hightech-Fertigung sucht, um Dutzende Millionen Roboter pro Jahr zu bauen, ist das eine ideale Gelegenheit.
Berlin sieht das anders und blockiert den Verkauf aus Gründen der nationalen Sicherheit. Insider aber wissen, dass es eher um Nationalstolz geht.
Atlas weicht nicht zurück. Der CEO ruft den US-Präsidenten an, der bereits öffentlich erklärt hat, wer die Robotik gewinne, gewinne auch die Wirtschaft, und China bewege sich schneller, als Washington hinnehmen werde. Binnen zweiundsiebzig Stunden kündigt das Weiße Haus an, europäische Autoimporte mit himmelhohen Zöllen zu belegen. Offiziell hat das nichts mit dem Versuch zu tun, den Autobauer zu übernehmen.
Drei Wochen später wird ein Verkauf verkündet, getarnt als Partnerschaft. Der deutsche Staat übernimmt 20 Prozent an der neuen Gesellschaft, und der bisherige Vorstand behält die nominelle Kontrolle. Die Pressemitteilung verwendet das Wort „europäisch” elfmal.
Hinter den Kulissen aber hat Atlas das Sagen. Der Konzern hält die operative Mehrheit, die Lizenzrechte an der Fertigungsplattform und das Vorkaufsrecht bei jeder künftigen Kapitalerhöhung, und die Gewinne laufen über eine Holding in Delaware. Berlin wahrt das Gesicht, aber das ist auch schon alles.
Das Muster wiederholt sich in den folgenden Monaten mehrfach. Vorstände sind treuhänderisch verpflichtet, im Interesse der Aktionäre zu handeln, und wenn das Angebot deutlich über dem Marktwert liegt und die Alternative die Insolvenz ist, ist die Sache für die Aktionäre klar. Einer nach dem anderen werden Hightech-Hersteller von amerikanischen Konsortien aufgekauft und umstrukturiert, ob in der Robotik, der Luft- und Raumfahrt oder im Spezialwerkzeugbau. Die offizielle Linie lautet, dass dies Arbeitsplätze sichere und wichtige Vermögenswerte auf europäischem Boden halte. Doch in Wahrheit hat Europa kein glaubwürdiges Gegenangebot.
Christian: elf
Caroline: Ich habe auch mitgezählt.
Christian: natürlich hast du
August 2030 – Modellkollaps
Die Vereinigten Staaten versuchen nicht, Europa zu zerstören. Sie versuchen, China in einem Rennen zu schlagen, das sie für existenziell halten. Doch von dort, wo Caroline sitzt, ist der Unterschied kaum zu erkennen.
Europa hat so etwas schon einmal erlebt, nach dem Finanzcrash von 2008. Die Sozialausgaben steigen, gerade während die Steuereinnahmen sinken. Regierungen verschulden sich auf ein Wachstum hin, das nicht kommt. Kreditgeber verschärfen die Bedingungen, und mit jedem Schritt werden die Optionen der Politiker weniger und schlechter.
In Paris legt der Finanzminister der Assemblée nationale einen Haushalt vor, an den niemand im Saal glaubt, er selbst eingeschlossen. Drei Zahlen lassen sich einfach nicht in Einklang bringen. Die Sozialausgaben nähern sich dem COVID-Niveau, die Körperschaftsteuer-Einnahmen sind um neun Prozent gesunken, und ein Zehntel des Haushalts geht für den Schuldendienst drauf, der immer weiter steigt. Die einzige Möglichkeit, wenigstens so zu tun, als ginge die Rechnung auf, besteht darin, völlig unrealistische Wachstumsannahmen zugrunde zu legen, die jeder sofort durchschaut.
Caroline sieht es beim Mittagessen auf ihrem Handy und denkt an ihren Bruder. Er hat keine Arbeit gefunden, hat Studienschulden und keine Ersparnisse und ist wieder bei den Eltern eingezogen. Mehrere seiner Freunde haben dasselbe getan, und einige reden inzwischen davon, nach Großbritannien zu ziehen, das den KI-Übergang, zur Überraschung vieler, weit besser bewältigt hat als die meisten EU-Länder.
Moody’s setzt Frankreich noch im selben Monat auf negative Beobachtung, und S&P folgt. Die Herabstufung selbst kommt im Juni, doch der Markt hatte sie längst eingepreist. Die Renditen französischer Staatsanleihen entfernen sich scharf von den deutschen, auf den größten Abstand seit Einführung der gemeinsamen Währung. Und die Märkte sind sich nicht mehr sicher, ob ein französischer Euro und ein deutscher Euro noch dasselbe sind und ob die Eurozone überhaupt zusammenhält.
Im August übersteigt der französische Schuldendienst 12 Prozent des Haushalts. Im Oktober prüfen die Ratingagenturen rollierend statt vierteljährlich, und Italien, Spanien und Griechenland werden in dichter Folge herabgestuft. In allen vier Ländern ist Geld, das früher in die Staatskasse floss, in amerikanische Bilanzen abgewandert, und die verbleibende Steuerbasis wird von den steigenden Sozial- und Kreditkosten erdrückt. Bei jeder neuen Veröffentlichung werden die Wachstumsannahmen nach unten korrigiert.
Etwa um dieselbe Zeit tauchen die ersten Kredite auf. Ein staatlich gestützter chinesischer Fonds gewährt einer portugiesischen Infrastrukturbank eine Kreditlinie. Ein zweiter refinanziert eine Tranche griechischer Staatsschulden zu Bedingungen, die keine europäische Institution bieten kann. Ein dritter bürgt für eine spanische Regionalregierung. Ein durchgesickertes Kommissionsmemo nennt das Muster „strategisch motivierten Kapitaleinsatz”, doch keiner ist sich ganz sicher, worin die Strategie besteht. Manche Analysten glauben, Peking wolle ASML oder einen EUV-Lizenzdeal, andere vermuten nichts Konkreteres, als dass Europa und die USA auseinanderdriften.
Christian: hast du die frankreich-zahlen gesehen
Caroline: Was mir mehr Sorgen macht, sind die chinesischen Rettungsleinen
Caroline: Wir werden auseinandergerissen
Christian: es tut mir leid
Christian: wirklich
Die politischen Folgen lassen nicht lange auf sich warten. Die Proteste schwellen im Frühjahr an, bis sie in Gewalt umschlagen. Auf den Bildschirmen im Berlaymont laufen Aufstände in Paris und Rom, meist junge Menschen, die wenig gemeinsam haben außer der Überzeugung, dass das System versagt hat. Populistische Parteien, oft ausdrücklich gegen KI und gegen die USA, führen in den meisten EU-Ländern die Umfragen an, und Europa zerfällt. Südeuropa braucht Hilfe aus dem Norden, doch selbst die Länder, die nicht völlig von Schulden zerrüttet sind und theoretisch helfen könnten, etwa Deutschland, haben mit ihren eigenen inneren Krisen zu kämpfen.
Teile des Blocks driften ab. Die Slowakei nimmt die Kommission außer beim Handel nicht mehr ernst. Polen und die baltischen Staaten, wachsam gegenüber Russland und überzeugt, dass die EU sie nicht mehr retten wird, vertiefen ihre Bindung an die USA. Die nordischen Länder, die eigene Rechenzentren gebaut haben und damit etwas in der Hand haben, bilden ihre eigene Koalition ohne Brüssel. Und viele in Großbritannien kommen zu dem Schluss, dass der Brexit am Ende doch für etwas gut gewesen sein könnte. Sie können nun leichter bilaterale KI-Deals mit Washington schließen.
Jenseits des Atlantiks sieht es anders aus. Konfrontiert mit der eigenen KI-feindlichen Gegenbewegung, hat die US-Regierung Arbeitsplatzgarantien und direkte Geldtransfers in einem Ausmaß eingeführt, das sich Europa nicht vorstellen kann. Die Proteste dort sind nicht verstummt, aber die Regierung hat Zeit gewonnen. Der Kontrast entgeht weder der europäischen Öffentlichkeit noch den europäischen Finanzministern, die genau wissen, dass die amerikanische Antwort durch KI-getriebenes Wachstum finanziert wird, das ihre eigenen Volkswirtschaften nicht hergeben.
Bis Januar 2031 steht der Euro unter dauerhaftem Druck. Kapital verlässt Südeuropa und kommt nicht zurück. Die EZB interveniert, interveniert erneut, und dann gehen ihr die glaubwürdigen Mittel aus. Bis Ende Februar schaffen Einleger in italienischen und griechischen Banken ihr Geld schneller nach Norden, als die EZB ausgleichen kann, und den Euro in seiner derzeitigen Form würde im privaten Gespräch kein europäischer Beamter mehr verteidigen.
Christian: wie hältst du durch
Caroline: Mir gehts gut
Christian: komm nach san francisco
Christian: im ernst. wir würden dich morgen einstellen
Caroline: Ich kann nicht weg.
Christian: warum nicht
Caroline: Irgendwer muss bleiben.
März 2031 – Zwischen Giganten
Anfang 2031 ballt sich die Macht an zwei Orten. Amerikanische KI-Firmen beherrschen die kognitive Frontier, China noch die physische. Atlas allein ist mehr wert als alle börsennotierten europäischen Unternehmen zusammen. Die drei größten amerikanischen KI-Firmen geben jeweils mehr für Rechenleistung aus, als die EU für Verteidigung. Und der führende chinesische Humanoid-Hersteller liefert in einem Monat mehr Einheiten aus als Europa in einem ganzen Jahr.
Die zunehmend angespannte transpazifische Beziehung hat Taiwan in den Vordergrund gerückt, denn TSMCs Fabs, in denen die weltbesten Spitzenchips gefertigt werden, liegen größtenteils auf der Insel. Die Lücke zwischen amerikanischer und chinesischer kognitiver KI ist im letzten Jahr größer geworden, und mit ihr Taiwans strategische Bedeutung. Kleinere Konfrontationen zwischen den Marinen, die sich vor zwei Jahren vielleicht einmal im Quartal zutrugen, ereignen sich nun jede Woche. Beide Seiten haben KI-gesteuerte Waffenplattformen öffentlich getestet und leistungsfähigere im Verborgenen. In Washington sind die Labore und das Verteidigungsministerium so eng verflochten, dass die Unterscheidung kaum noch etwas bedeutet. In Peking ist die Verflechtung formeller. Kommentatoren und Analysten benutzen regelmäßig das Wort Krieg, ohne Zusätze wie „Handels-” oder „kalt”, und in jeder Hauptstadt haben drei oder vier Männer die Entscheidungsgewalt, die zu einem ausgewachsenen Konflikt führen könnte.
Europa ist in einem katastrophalen Zustand, auch wenn kein Amtsträger bereit ist, das klar auszusprechen. Die Polarisierung grassiert, und das Sozialmodell zerbricht. In den Ländern, die der KI-Schock am härtesten getroffen hat, ist das Wirtschaftswachstum zum Stillstand gekommen, in anderen hat es sich vom allgemeinen Wohlergehen weitgehend abgekoppelt. Hypothekenausfälle sind in den Mitgliedstaaten in die Höhe geschnellt, in denen variabel verzinste Kredite üblich sind, und europäische Staatsanleihen werden zu Konditionen gehandelt, die sonst Ländern vorbehalten sind, in denen die Menschen ihr Bargeld in Schubkarren transportieren. Wo Ökonomen einst über die Wohlstandslücke zu den USA stritten, ob sie bloß an den geleisteten Arbeitsstunden liege, ob der europäische Lebensstandard nicht doch der bessere sei, da streiten sie nicht mehr. Wer nach Kalifornien reist, sieht den Unterschied schon wenige Minuten nach der Landung.
Aber Europa hat noch eine letzte Karte. Nach fünf Jahren, in denen der Aufbau eines Frontier-KI-Sektors gescheitert ist, kontrolliert es noch immer den einen Engpass, durch den das ganze Rennen läuft. ASML ist nach wie vor das einzige Unternehmen der Welt, das die EUV-Lithografieanlagen bauen kann, mit denen Spitzenchips gedruckt werden. Ohne Zugang zu seinen Maschinen könnten die USA ihren KI-Vorsprung nicht weiter ausbauen. Mit Zugang dazu hätte China wahrscheinlich längst aufgeholt.
Peking hat bei eigenen DUVi-Maschinen echte Fortschritte gemacht und dürfte in einem Jahr mit der Massenproduktion beginnen. Doch das ist zu wenig und zu spät, denn ein Jahr fühlt sich inzwischen wie eine Ewigkeit an, und DUVi liefert nicht die Spitzenchips, die China braucht, während die USA jeden Tag weiter vorpreschen. Die chinesische Regierung ist zutiefst beunruhigt darüber, dass superintelligente KI näher rückt, und keiner ist sich ganz sicher, was sie anrichten könnte. Manche Berater fürchten, die USA könnten hinreichend fortgeschrittene KI nutzen, um Chinas nuklearen Zweitschlag auszuschalten. Andere fürchten, solche Systeme ließen sich überzeugend genug machen, um die Partei selbst zu destabilisieren. Chinas Vorsprung bei den Robotern ist real, doch er kann diese Sorgen nicht zerstreuen.
Also setzt Peking noch stärker auf die Strategie, die es seit zwei Jahren verfolgt. Die Kredite an Südeuropa werden größer und die Bedingungen großzügiger, die Informationskampagnen verstärken sich, und europäische Staats- und Regierungschefs bekommen Signale, wie eine engere Beziehung eines Tages aussehen könnte. Privilegierter Marktzugang, gemeinsame Robotikproduktion, ein Platz an einem Tisch, von dem Washington sie weitgehend ausgeschlossen hat. Zum ersten Mal werden ASML und seine EUV-Technologie ausdrücklich erwähnt. Fünf Jahre, in denen Washington sie wie Vasallen behandelt hat, haben Spuren hinterlassen, und in mehreren Hauptstädten wird die Alternative zum ersten Mal ernsthaft erwogen.
China versucht, Europa aufzuspalten, und das gelingt besser, als Washington recht ist. Das Pentagon hält den Verlust der Kontrolle über ASML für eine Bedrohung, die mit der Verbreitung von Atomwaffen vergleichbar ist, und das Weiße Haus entscheidet, dass es jetzt die direkte Kontrolle über das Unternehmen braucht, solange das noch möglich ist. Der Anruf geht an die drei Länder, die das verhindern können, an die Niederlande, wo ASML seinen Hauptsitz hat, sowie an Deutschland und Frankreich, ohne deren Einwilligung keine niederländische Regierung zustimmen könnte.
Der US-Vizepräsident überbringt das Angebot in einem vierzigminütigen Gespräch über eine gesicherte Leitung. ASML selbst soll in eine niederländisch-amerikanische Holding eingegliedert werden, geführt von einem gemeinsamen Vorstand, in dem Washington bei Produktionsmenge, Kunden und Technologietransfer die ausschlaggebende Stimme hat. Im Gegenzug bieten die USA eine Kapitalspritze in einem Ausmaß, das Europa nicht aufbringen kann und das den Bau mehrerer neuer Produktionsstätten auf US-Boden ermöglicht. Bemerkenswerter noch, sie versprechen auch direkte Geldtransfers an europäische Bürger, gekoppelt an die KI-Sondergewinne der USA. Diese fielen anfangs klein aus, vielleicht 100 Euro pro Person und Jahr, würden mit der Zeit aber wachsen.
Die drei europäischen Staats- und Regierungschefs beschließen, ihre EU-Kollegen außen vor zu lassen. Sie halten das Angebot für inakzeptabel und fürchten, die anderen würden sie drängen, es anzunehmen. Als sie höflich ablehnen, macht das Weiße Haus das Angebot öffentlich und legt zum Zuckerbrot die Peitsche. Wenn die EU nicht unterzeichne, falle die ganze Region nach der Frontier Inference Services Rule auf Tier 3 und verliere jeden Zugang zu amerikanischer KI, gegenwärtig wie künftig. Die USA wissen, dass sie alle Trümpfe in der Hand halten, denn über ihre taiwanesischen Partner haben sie genug EUV-Maschinen und Wartungs-Know-how angesammelt, um länger ohne ASML-Zugang auszukommen, als Europa ohne Zugang zu Frontier-KI auskommt.
Mehrere europäische Hauptstädte wenden sich an die Chinesen, auf der Suche nach einem Gegenangebot, das ihnen den Spielraum gäbe, Washington abzulehnen. Was sie bekommen, ist nicht das, worauf sie gehofft hatten. Peking ist zu dem Schluss gekommen, dass seine Charmeoffensive nicht reicht und dass auch es die Gangart ändern müsse. Die Bedingungen für Exporte Seltener Erden würden überprüft, falls die Niederländer mit Washington unterzeichneten. Roboter-Exportlizenzen würden neu bewertet. Die Frist ist kürzer als die amerikanische.
Europa hat nun drei Optionen, und alle drei sind schlecht.
Mit Washington zu unterzeichnen hieße, dass der Kontinent sein einziges Druckmittel aufgibt und in allem außer dem Namen zu einem amerikanischen Protektorat wird, während seine verbliebene Fertigung stirbt, falls China seine Drohung wahr macht und die Exporte kappt.
Sich an Peking auszurichten hieße, dass der Süden vielleicht aufhört unterzugehen und die Union ihre unmittelbare Finanzkrise womöglich übersteht. Doch Europa würde China die Schlüssel zur Zukunft in die Hand geben und sähe sich einer Reaktion Washingtons gegenüber, die es nicht verkraften kann, nicht einmal mit chinesischer Hilfe. Tier 3 wäre nur der Eröffnungszug.
Mit keinem von beiden zu unterzeichnen hieße, dass Europa nichts bekommt und stattdessen den vollen Zorn beider Großmächte auf einmal abbekommt. Es riskiert, Frontier-Inferenz und kritische Vorprodukte für die Fertigung gleichzeitig zu verlieren, was die ohnehin angespannte Union wahrscheinlich auseinanderbrechen ließe.
Der Europäische Rat beruft eine Notsitzung ein. Nach vierzehn Stunden gibt es kaum Fortschritte. Er ermächtigt eine Delegation, nach Washington zu fliegen, mit einem Mandat, von dem jeder im Raum weiß, dass es bewusst mehrdeutig gehalten ist. Anders als sonst im Rat üblich werden die Spitzenvertreter vor Ort entscheiden.
Das Treffen findet an einem Dienstagmorgen im Eisenhower Executive Office Building statt. Die europäische Delegation führen der niederländische Premier, der französische Präsident, der deutsche Bundeskanzler, der polnische Premier, der spanische Premier und der italienische Ratspräsident an, jeder begleitet von seinem Außenminister und einem nationalen Sicherheitsberater.
Die Amerikaner sind mit einer ähnlich zusammengesetzten Gruppe angetreten, dazu zwei Beamte in der hinteren Reihe, die nicht vorgestellt werden und Kopfhörer tragen.
Diese Kopfhörer sind mit einem Frontier-KI-Modell verbunden, das jeden europäischen Kanal infiltriert hat, den es finden konnte. Es weiß, was jeder europäische Spitzenvertreter vergangenen Dienstag im Kabinett gesagt hat. Es weiß, wer von ihnen eine Affäre hat, wer wegen Prostatakrebs behandelt wird, wessen Tochter Ärger mit dem Gesetz hat. Es weiß, wovor jeder von ihnen am meisten Angst hat und was er hergeben würde, um dem zu entgehen. Die Europäer wissen das nicht.
Caroline gehört zum Unterstützungsteam, das die Kommission nach Washington mitgenommen hat. Sie sitzt zwei Türen weiter im Delegationsraum und verfolgt eine interne Übertragung auf einem Wandbildschirm.
Bis zum späten Vormittag ist klar, dass die Spitzenvertreter sich nicht einig sind. Der deutsche Bundeskanzler und der polnische Premier drängen hart auf den amerikanischen Deal. Der spanische Premier will sich an China ausrichten, der französische Präsident will beides ablehnen. Der niederländische Premier sieht krank aus, und der italienische Ratspräsident hat in drei Stunden kaum etwas gesagt.
Um zwölf wird eine Pause eingelegt, und die Spitzenvertreter ziehen sich mit ihren Delegationen in Nebenräume zurück. Caroline verlässt den Delegationsraum, um einen Kaffee zu suchen und den Kopf freizubekommen.
Im Korridor stößt sie fast mit dem Ratspräsidenten zusammen, der allein aus dem Sitzungssaal gekommen ist. Sein Jackett hat er ausgezogen, die Krawatte sitzt locker, und er ist kleiner, als sie ihn sich vorgestellt hatte. Er hält inne, als er ihr Ausweisband sieht.
„Kommission?”
„DG TRADE, Herr Präsident.”
Er sieht sie einen Moment an. „Kommen Sie mit.”
Sie gehen langsam. Er ist dafür bekannt, sich vor wichtigen Entscheidungen auf unvorhersehbare Weise Rat zu holen, bei Nachwuchskräften, Journalisten, seinem Fahrer, was manche charmant finden. Ob Zufall oder nicht, er hat auch vierzig Jahre in der europäischen Politik überlebt.
„Im Raum”, sagt er, „bringt jeder das Argument, das er seit zwei Jahren bringt. Ich habe alles gehört.” Er sieht sie an. „Welche der drei macht Ihnen am meisten Sorgen?”
Sie überlegt, bevor sie antwortet.
„Sich für keines zu entscheiden, sieht aus, als hielte man sich alle Optionen offen”, sagt sie. „Aber das tut es nicht. Wir müssen uns für eines entscheiden, statt die Dinge einfach geschehen zu lassen und so zu tun, als wären wir Opfer der Umstände. Und den Chinesen können wir nicht so viel Macht geben. Also müssen es die Amerikaner sein.”
Der Ratspräsident nickt langsam. Ob er zustimmt, sagt er nicht. Er klopft ihr leicht auf die Schulter, so wie es ein Onkel täte. „Danke. Holen Sie sich Ihren Kaffee.” Er dreht sich um und geht zurück in den Sitzungssaal.
Caroline geht auf die Toilette. Sie spritzt sich kaltes Wasser ins Gesicht und sieht sich im Spiegel an. Ihre Hände zittern, sie umklammert den Rand des Waschbeckens und wartet, bis es vorübergeht. Durch das kleine, hohe Fenster sieht sie einen Streifen Washingtoner Himmel, flach und hell.
Ein paar Türen weiter entscheiden sechs Menschen über das Schicksal des europäischen Kontinents. Sie weiß nicht, ob irgendetwas von dem, was sie gesagt hat, eine Rolle spielen wird. Sie vermutet, nein.
An diesem Abend geht sie allein zurück zum Hotel. Für Washington im März ist es kalt. Sie denkt an ihren Bruder, und sie denkt an die Dinnerparty in Hayes Valley vor sechs Jahren, an die ruhige Gewissheit der Menschen am Tisch, dass die Welt sich gleich verändern würde.
Ihr Handy summt.
Christian: alles ok bei dir?
Caroline: Schwieriger Tag
Christian: mein flug hat verspätung
Christian: drink in 1 stunde?
Caroline: Ja, bitte!